Hilft Kaffee bei Depressionen?

Jüngere Studien legen nahe, dass regelmäßiger Kaffee-Konsum eine positive Wirkung auf Depressionen hat.

Hilft Kaffee bei Depressionen?

Vor einigen Jahren konnte man in vielen Zeitungen und Zeitschriften Schlagzeilen finden der Art "Kaffeetrinker leben länger". Hinter diesen Schlagzeilen steckte eine Studie mit fast einer halben Million Briten, die tatsächlich zu zeigen schien, dass erhöhter Kaffee-Konsum mit einem verringerten generellen Sterberisiko einhergeht.

Als aufmerksamer Zeitungs- und/oder Zeitschriftenleser erinnert man sich sicher auch noch an eine Vielzahl anderer Berichte aus dem Segment: "Eine neue Studie zeigt …", die mal zu berichten wussten, dass Kaffee gut für das Gehirn und gut für das Herz, aber manchmal auch, dass Kaffee schlecht für das Gehirn und schlecht für das Herz sei oder sogar Lungenkrebs begünstigt.

Kaffee ist eine Alltagsdroge, von der man nicht einmal wahrnimmt, dass sie eine Droge ist, so integriert in unseren Alltag ist sie. Morgens aufstehen und eine Tasse Kaffee aufbrühen gehört für einen Großteil der Bevölkerung zum morgendlichen Ritual und nicht wenige sagen von sich, dass sie ohne ihr Koffein erst gar nicht in die Gänge kämen.

In Deutschland trinken 72% (Stand: 2018) der erwachsenen Bevölkerung regelmäßig Kaffee, dabei nicht mit eingerechnet sind andere Koffeinquellen, denn neben Kaffee befindet sich Koffein sich auch in vielen anderen Lebensmitteln, in Softdrinks wie Cola, in grünem, schwarzem oder weißem Tee, in Energy-Drinks, in Schokolade oder Nahrungsergänzungsmitteln.

Geschätzt wird, dass weltweit 80% der Erwachsenen täglich irgendein koffeinhaltiges Lebensmittel zu sich nimmt und dass in den Industrieländern der westlichen Welt 90% und mehr der Bevölkerung täglich Koffein zu sich nimmt.

Kaffee bzw. das Koffein darin ist ein Aufputschmittel, das zu einem gewissen Maße die Welt am Laufen hält. Es wirkt stimulierend auf das zentrale Nervensystem, erhöht den Herzschlag, Antrieb und die Aufmerksamkeit – der Effekt, warum so viele Menschen Kaffee trinken. Der mit dem Koffeingenuss einhergehende erhöhte Ausstoß von stimulierenden Neurotransmittern wie Dopamin, die zu erhöhter Motivation, Fokus und Wohlbefinden beitragen, dürfte ein weiterer Grund für den weithin verbreiteten Konsum von Koffeinprodukten sein.

Und Kaffee soll gesund sein, so hört man und so liest man in den Zeitungen und Zeitschriften, die Beiträge schreiben, die mit dem Satz "Eine neue Studie zeigt …" beginnen. Aber stimmt das wirklich? Ist Kaffee generell gesund und, was am meisten interessiert, kann Kaffee speziell bei Depressionen helfen? Für alle, die keine Lust haben, den Rest dieses langen Artikels zu lesen:

Ja, in moderaten Mengen ist Kaffee sehr wahrscheinlich gesund und kann sowohl vor neurodegenerativen Krankheiten schützen, als auch zu einer Verbesserung bei leichten bis mittelschweren Depressionen beitragen. Da Depressionen aber häufig einhergehen mit Angst- oder sogar Panikstörungen, die wiederum von koffeinhaltigen Getränken negativ beeinflusst werden, sollten Menschen mit Depressionen und Angst- oder Panikstörungen sich sehr genau beobachten und im Zweifel eher darauf verzichten. In jedem Fall sollte sich der Koffeingenuss auf Kaffee und Tee beschränken. Softdrinks und Energy-Drinks sind aufgrund ihres Zuckergehalts und ihres Gehalts an Gott-Weiß-Was-Für-Chemie-Das-Schon-Wieder-Ist grundsätzlich für niemanden empfehlenswert.

Wie wirkt Koffein?

Bei der Frage also, ob Kaffee bei Depressionen hilft oder sie eventuell sogar verschlimmert, muss man unterscheiden zwischen der Wirkung von Koffein selbst und der Wirkung von Kaffee, den es schließlich auch als entkoffeinierte Variante gibt, die zwar nicht komplett, aber weitgehend frei von Koffein ist.

Die Wirkung von Koffein im menschlichen Körper ist direkt damit verbunden, wie unser Körper Energie verbraucht und wie unser Körper "weiß", dass er müde ist. Wenn wir von Energie sprechen, dann meinen wir fast immer ein Molekül namens Adenosintriphosphat, kurz ATP. Egal woher die Energie ursprünglich stammt, ob z. B. aus Kohlenhydraten in der Nahrung oder ob aus in unseren Rettungsringen am Bauch gespeichertem Fett, die durch Stoffwechselvorgänge freigesetzte Energie wird in Form von ATP-Molekülen gebunden.

Dieses ATP wird in den Zellen des Körpers verwendet, um die notwendige Energie für alle möglichen Vorgänge bereitzustellen. An einem normalen Tag ohne übermäßige Anstrengung setzt der menschliche Körper ungefähr die Hälfte seines Gewichts in ATP um. Das heißt eine Frau mit 60 kg Körpergewicht setzt am Tag 30kg ATP um.

Ohne großartig in die langweilige Welt der Biochemie eintauchen zu wollen, ist dieses "Umsetzen" von ATP ein vielschichtiges Hin und Her, in dem ATP umgewandelt wird in ADP (Adenosindiphosphat), das wiederum umgewandelt werden kann in AMP (Adesoninmonophosphat) oder zurück in ATP, usw. Irgendwann aber verliert das Adenosin all seine Phosphate und steht nur noch als einsames Adenosin-Molekül da.

Einsame Adenosin-Moleküle ohne Phosphate sind ein ziemlicher Party Pooper, wie man im Englischen sagt. Je mehr davon in unserem Blut bzw. Gehirn zirkuliert, desto träger, erschöpfter und müder werden wir, denn Adenosin ist ein sogenannter Neuromodulator, der im zentralen Nervensystem …

  • einerseits hemmend auf die Ausschüttung von erregenden Neurotransmittern wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin oder Acetylcholin wirkt.
  • andererseits fördernd auf die Ausschüttung von hemmenden Neurotransmitter wie GABA wirkt.

Adenosin wird hauptsächlich durch ein Enzym namens Adenosin-Desaminase weiter umgewandelt und verliert dadurch die vorher beschriebene Wirkung. Dieser Vorgang ist aber am Tage, wenn wir viel ATP umsetzen, nur unvollständig. Wir haben nicht genug Adenosin-Desaminase, um all das Adenosin abzubauen, das wir da in uns ansammeln. Über die Stunden steigt so die Adenosin-Konzentration an und wir werden müder und müder, bis wir irgendwann einschlafen. Während wir schlafen, setzen wir aber weniger Energie um, das heißt weniger ATP und damit produzieren wir auch weniger neues Adenosin. Das gibt dem Körper Gelegenheit, das über den Tag angesammelte Adenosin abzubauen und nach einigen Stunden wachen wir hoffentlich ausgeruht und "voller Energie" wieder auf.

So weit so gut. Um es noch einmal grob aus der Vogelperspektive zusammenzufassen:

  1. Energie verbrauchen heißt, ATP-Moleküle umsetzen.
  2. Dabei entsteht ein Molekül namens Adenosin.
  3. Je mehr Adenosin, desto müder und träger werden wir.
  4. Adenosin wird durch ein Enzym namens Adenosin-Desaminase abgebaut.
  5. Tagsüber produzieren wir mehr Adenosin, als wir abbauen können, bis wir vor lauter Adenosin einschlafen.
  6. Während des Schlafs bauen wir das angesammelte Adenosin wieder ab und können so den nächsten Tag in Angriff nehmen.

Koffein ist nun ein Molekül, das dem Adenosin ziemlich ähnlich ist. Es kann an Adenosin-Rezeptoren andocken, aber ohne dabei die gleiche Wirkung wie Adenosin zu entfalten. Koffein blockiert die Wirkung von Adenosin: Es werden mehr erregende Neurotransmitter und weniger hemmende Neurotransmitter ausgeschüttet. Wir haben mehr Dopamin, mehr Acetylcholin, mehr Fokus, mehr Energie, mehr Muskelpower, … Sogar unser Gedächtnis funktioniert besser.

Adenosinrezeptoren existieren aber auch außerhalb des zentralen Nervensystems, z. B. im Gehirn und in den Nieren, was wohl mit dazu beiträgt, dass Koffeinkonsum zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und Urinproduktion führt.

Wann Kaffee bei Depressionen hilft

Eine an der chinesischen Qingdao-Unversität durchgeführte Meta-Analyse mehrerer Studien zum Einfluss von Kaffee oder Koffein auf Depressionen mit insgesamt über 33000 Teilnehmern kam zu dem Resultat, dass da sehr wohl ein positiver Einfluss besteht. Das Risiko für die Ausprägung einer Depression korrelierte mit der konsumierten Menge. Pro Tasse Kaffee am Tag sank das Risiko um ungefähr acht Prozent mit signifikanten Resultaten bei einer Koffeinaufnahme zwischen 68 mg und 509 mg pro Tag.

Die am häufigsten angeführte Erklärung für diesen Effekt führt die antioxidierende und entzündungshemmende Wirkung verschiedener Chemikalien wie Nikotinsäure oder verschiedener Gerbstoffe im Kaffee an. Hier besteht ein interessanter Zusammenhang zur Theorie, nach der eine Depression zumindest teilweise Resultat eines aus dem Ruder laufenden Entzündungsprozesses im Körper ist. So fanden Forscher in einer zwischen 2007 und 2012 durchgeführten Studie mit über 14000 Menschen bei Teilnehmern mit Depressionen bis zu 46% erhöhte Werte für einen bestimmten Marker im Blut, der mit Entzündungsprozessen assoziiert ist. Gleichzeitig weiß man, dass gesunde Ernährung und Verzicht auf industriell gefertigte und entzündungsfördernde Lebensmittel sich positiv auf Depressionen auswirkt. Gleichzeitig kann man aber auch nicht ausschließen, dass der anregende Einfluss von Koffein auf den Neurotransmitterhaushalt, insbesondere auf Dopamin, zur beobachtbaren Stimmungsaufhellung beiträgt.

Studien legen zudem nahe, dass verschiedene Inhaltsstoffe der Kaffeefrucht, sich positive auf das Niveau des Wachstumfaktors BDNF haben, einem Protein, das eine zentrale Rolle in der Neubildung von Nervenzellen und der Bildung von Verbindungen zwischen Nervenzellen in bestimmten Bereichen des Gehirns spielt, der sogenannten Neurogenese. Bei depressiven und suizidalen Menschen kann in der Tat ein verringertes BDNF-Niveau beobachtet werden, während verschiedene Klassen von antidepressiven Medikamenten oder auch Maßnahmen wie regelmäßiger Sport, von denen man weiß, dass sie einen antidepressiven Effekt haben, das BDNF-Niveau erhöhen. Die bisher noch nicht durch Versuche an Menschen ausreichend belegte Hypothese ist, dass durch Erhöhung des BDNF-Niveaus die Anfälligkeit für Angststörungen und depressive Episoden gedämpft werden kann.

Wann Kaffee Depressionen verschlimmert

Menschen mit Depressionen, gleich welcher Art, haben auch häufig mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Angststörung zu kämpfen. Hier liegt das Problem mit einem Aufputschmittel wie Kaffee. Wenn man sowieso schon nervös und angespannt ist und einem das Herz in der Brust auf Hochtouren pocht, dann verstärkt Kaffee dieses Gefühl nur. Anstatt sich zu beruhigen, schüttet man nur Benzin ins Feuer.

Koffeinkonsum kann die Menge an Stresshormonen im Blut wie Cortisol oder Adrenalin nahezu verdoppeln. Es unterdrückt den Neurotransmitter GABA, der eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Signalübertragung im Gehirn spielt, und dessen Funktion als beruhigend beschrieben wird. Zudem hat Koffein eine stimulierende Wirkung auf das Dopamin-System im Gehirn, was unter Umständen wiederum zu einem abschwächenden Effekt im Serotonin-Haushalt führen kann.

Die Meinung, dass Menschen mit einer Angststörung generell von Kaffee Abstand halten sollten, hat sich mittlerweile relativiert. Vielmehr sollte man sich selbst sehr genau beobachten und für sich selbst herausfinden, ob Angstzustände verstärkt werden oder nicht. Zudem kann in Betracht gezogen werden, einfach entkoffeinierten Kaffee oder Lebensmittel wie Heidelbeeren für die tägliche Dosis an Antioxidantien zu konsumieren.

Koffein und Kaffee schützen das Gehirn

Eine Reihe von Studien deutet darauf hin, dass Koffein wahrscheinlich eine neuroprotektive Wirkung hat. Das bedeutet, dass es zu einem gewissen Grade vor neurodegenerativen Krankheiten schützt, insbesondere vor der Parkinson-Krankheit, die hauptsächlich ausgelöst wird durch einen beschleunigten Zerfall von Nervenzellen in einer Gehirnregion namens Substantia Nigra. Diese schützende Wirkung scheint vom Koffein selbst zu kommen und nicht etwa von einem der vielen anderen Inhaltsstoffe im Kaffee.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich ab in Bezug auf Altersdemenz und die Alzheimer-Krankheit, die ausgelöst wird durch eine übermäßige Ablagerung von Proteinen im Gehirn, die zu Problemen bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen und im späteren Verlauf zum Absterben von Nervenzellen führt. In der so genannten CAIDE-Studie, in der Teilnehmer anderer Studien aus den 70iger Jahren um die Jahrtausendwende noch einmal untersucht wurden, zeigte die geringste Häufigkeit an Demenz- und Alzheimer-Erkrankungen bei den Teilnehmern, die ab ihrer Lebensmitte im Durchschnitt 3 bis 5 Tassen Kaffee täglich konsumiert hatten. Dieser Zusammenhang konnte nur für Kaffee aber nicht Tee festgestellt werden.

Die Gefahren von Kaffee

Die vorhergehenden Abschnitte klingen so, als wäre Kaffee ein Wundermittel, das nicht nur glücklich macht, sondern auch das Gehirn vor Verschleiß bewahrt. Gerade übermäßiger Kaffee- bzw. Koffeinkonsum kann aber auch zu gesundheitlichen Problemen führen.

Zum einen muss man klar feststellen, dass Kaffee süchtig macht. Viele Kaffeetrinker werden das von sich weisen, aber ungefähr die Hälfte aller Menschen, die täglich Kaffee trinken und dann versuchen, mehrere Tage ohne jegliches Koffein auskommen entwickeln teils heftige Entzugserscheinungen. Sehr häufig treten dabei Kopfschmerzen auf, Schwindel, Appetitlosigkeit und Übelkeit bis hin zum Erbrechen, Schlafstörungen und ein Mangel an Antrieb und Energie. Typischerweise halten die Symptome eines Koffeinentzugs für zwei bis neun Tage an.

Regelmäßiges Kaffeetrinken hat zudem einen Gewöhnungseffekt, der sich auch körperlich darin zeigt, dass der Körper mehr Adenosinrezeptoren ausbildet, ähnlich wie bei Rauchern, in deren Zentralnervensystem sich mehr nikotinische Acetylcholinrezeptoren ausbilden. Der Effekt ist in der Tat ähnlich wie bei Rauchern: Die Droge wird nicht mehr genommen, um einen Normalzustand "aufzuwerten", sondern sie wird genommen, um die Folgen der Abwesenheit der Droge zu bekämpfen. Das berühmte "Ohne meine Kaffee komme ich morgens nicht in die Gänge". Man ist nicht wach und puscht sich mit Kaffee auf, sondern man braucht den Kaffee, um überhaupt richtig aufzuwachen.

Koffeinabhängigkeit ist Stress für den Körper. Er führt dazu, dass über lange Zeit viel zu viel Koffein zu sich genommen wird, unsere Nebennieren ständig auf Hochtouren laufen und der Körper konstant mit Stresshormonen belastet wird. Das kann unter Umständen zur Ausbildung des so genannten chronischen Erschöpfungssyndroms beitragen, einem Zustand, in dem man einfach ständig erschöpft ist und jede Anstrengung sehr viel Energie erfordert. Für Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen kann übermäßiger Kaffeekonsum sogar richtig gefährlich werden.

Wie viel Kaffee ist gesund?

Um seinen Morgenkaffee auch auf lange Zeit als Genussmittel genießen zu können und es nicht zu einer Droge werden zu lassen, ohne die morgens nicht mehr aus dem Haus kommt, sollte man ein paar Verhaltensregeln beachten.

  1. Pro Tag sollte man nicht mehr als 300 mg Koffein zu sich nehmen, besser etwas weniger. Das sind ungefähr drei bis vier Tassen Filterkaffee (150 ml je Tasse).
  2. Koffein hat eine Halbwertszeit von ungefähr 6 Stunden, deshalb sollte man am Nachmittag und schon gar nicht am Abend irgendein koffeinhaltiges Nahrungsmittel zu sich nehmen, um die Auswirkungen auf den nächtlichen Schlaf zu minimieren.
  3. Ab und zu sollte man Pausen einlegen und eine Woche sehr wenig Kaffee trinken oder für eine Weile ganz auf entkoffeinierten Kaffee umsteigen, abhängig davon, wie stark eventuelle Entzugserscheinungen sind.
  4. Raucher, die gerade dabei sind, mit dem Rauchen aufzuhören, sind deutlich empfindlicher für die Wirkung von Koffein und sollten ihren Verbrauch für die ersten Wochen der Nikotinentwöhnung mindestens halbieren.

Kaffee bzw. Koffein ist eine Droge mit sehr vielen positiven Eigenschaften, aber wie bei allen positiv nutzbaren Drogen ist Moderation der Schlüssel.

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