Johanniskraut zur Linderung von Depressionen und Angststörungen

Johanniskraut ist ein beliebtes Mittel gegen Depressionen und Angstzustände, weist aber einige Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auf.

Johanniskraut zur Linderung von Depressionen und Angststörungen

Das echte Johanniskraut(Hypericum perforatum) ist eine Pflanze, die sie über 2000 Jahren wegen ihrer antidepressiven und entzündungshemmenden Eigenschaften als Heilpflanze bei Wundheilung und psychischen Problemen Anwendung findet.

Johanniskraut-Präparate, die man rezeptfrei in der Apotheke, Drogerie oder Supermarkt kaufen kann, werden aus den Blüten und Blättern der Pflanze gewonnen. Meist werden sie in Form von Dragees oder Tabletten eingenommen. Aber auch als Tee oder Tropfen kann das Präparat erworben werden.

Johanniskraut wird als natürliches Heilmittel zur Behandlung von Depressionen und Symptomen wie Angst, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen eingesetzt. Es findet außerdem seinen Einsatz gegen Stimmungsschwankungen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, saisonale affektive Störung (Winterdepression), sowie Menstruations- und Wechseljahr-Beschwerden.

Wirksamkeit von Johanniskraut bei Depressionen

Die Wirksamkeit von Johanniskraut zur Linderung einer leichten bis moderaten Depression sind relativ gut belegt, insbesondere bei einer reaktiven Depression, die sich in Folge eines belastenden Lebensereignisses herausbildet und im Regelfall weder den Einsatz rezeptpflichtiger Antidepressiva, noch eine langwierige Therapie erfordert.

Dennoch ist das Wort „Wirksamkeit“ hierbei mit Vorsicht zu genießen. Studien kommen regelmäßig zu gemischten Resultaten, wenn es um die Frage geht, ob Johanniskraut-Präparate eine höhere Wirksamkeit zeigen als ein Placebo oder ob die beobachteten positiven Effekte des Johanniskrauts bei der Behandlung einer Depression nicht selbst auch auf dem Placebo-Effekt beruhen.

Eine 2011 über einen Zeitraum von 12 Wochen durchgeführte klinische Studie mit 73 Teilnehmern verglich Johanniskraut, ein Placebo und das Antidepressivum Citalopram aus der Gruppe der selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer. Bei allen Teilnehmern lag eine leichte Depression vor. Weder das Antidepressivum, noch das Johanniskraut zeigten einen höheren Wirkgrad als das Placebo.

Eine ähnliche Studie aus dem Jahre 2002 kam zu einem ähnlichen Ergebnis, dieses Mal mit 124 Teilnehmern, die an einer schweren Depression litten. Verglichen wurden Johanniskraut, ein Placebo und der selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer Sertralin bzw. Zoloft. Auch hier waren Johanniskraut und rezeptpflichtiges Medikament ähnlich wirksam wie das Placebo.

Mehrere Studien mit ähnlichen Resultaten legen nahe, dass Johanniskraut in der Tat eher ein Placebo ist. Gleichzeitig muss bedacht werden, dass die rezeptpflichtigen Antidepressiva in diesen Studien auch nicht viel besser abschnitten und sich daher die Schlussfolgerung anbietet, dass für bestimmte Patienten Johanniskraut aufgrund seiner geringeren Nebenwirkungen einem rezeptpflichtigen Medikament vorzuziehen ist. Die Aussage der Studien ist nämlich nicht, dass Johanniskraut nicht wirkt. Die Aussage der Studien ist vielmehr: In vielen Fällen wirkt Johanniskraut genauso gut wie ein rezeptpflichtiges Antidepressivum wie z.B. Setralin.

Wirksamkeit von Johanniskraut bei Angststörungen

Viele Menschen nehmen Johanniskraut nicht nur bei Depressionen, sondern auch gegen eine Angststörungen oder bei Panikattacken. Es gibt aber keine zuverlässige Studie, welche die Wirksamkeit bei diesen Leiden belegt.

Bei manchen Menschen kann Johanniskraut den Zustand sogar verschlechtern und Angst- und Panikattacken provozieren. Der Grund, dass trotzdem so viele Menschen auf das Mittel zurückgreifen, liegt wahrscheinlich darin, dass Angststörungen und Depressionen häufig zusammen auftreten und eine Linderung der depressiven Symptome als eine Verbesserung der Gesamtsituation wahrgenommen wird.

Johanniskraut bei Schlafstörungen

Johanniskraut wird häufig gegen Schlafstörungen eingenommen. Wie schon bei der Wirksamkeit gegenüber Angststörungen ist die wissenschaftliche Faktenlage eher dünn.

Probleme beim Einschlafen, Probleme mit dem Durchschlafen, ständiges oder zu frühes Aufwachen und eine verringerte Qualität des Schlafs sind typische Symptome einer Depression. Geht man davon aus, dass Johanniskraut tatsächlich bei Depressionen Linderung verschaffen kann, so ist es naheliegend, dass Johanniskraut zumindest indirekt auch Schlafstörungen bekämpft. Besonders die Verfügbarmachung von Serotonin, einem Vorläufer des „Schlafhormons“ Melatonin, und des Neurotransmitters GABA scheinen in Bezug auf die Verringerung von Schlafstörungen eine Rolle zu spielen.

Siehe auch: Was tun bei Schlafstörungen?

Wie wirkt Johanniskraut?

Johanniskraut ist ein natürlicher Serotonin-, Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer. Dafür hauptsächlich verantwortlich sind die beiden Inhaltsstoffe Hyperforin und Hypericin.

Wenn eine Nervenzelle ein Signal an eine andere Nervenzelle übermittelt, dann sondert sie chemische Botenstoffe wie Serotonin oder Dopamin in einen kleinen Spalt zwischen den beiden Nervenzellen ab. Rezeptoren an der Empfängerzelle 'erkennen' die Botenstoffe und leiten das Signal weiter. Anschließend wird ein Großteil der Botenstoffe von der sendenden Zelle wieder absorbiert, ungefähr 10% gehen in dem Prozess verloren und werden abgebaut.

Ein Wiederaufnahme-Hemmer verlangsamt diesen Absorbtionsprozess, was dazu führt, dass der Neurotransmitter länger im Spalt zwischen den beiden Nervenzellen verbleibt und die Rezeptoren der Empfängerzelle stärker stimuliert werden. Bildlich gesprochen: Die Unterhaltung zwischen den Nervenzellen wird lebhafter und lauter.

Serotonin ist ein Neurotransmitter, ein chemischer Botenstoff, der im Verdauungssystem und im Gehirn des Menschen zum Einsatz kommt. Im Gehirn findet es Verwendung in Bereichen, die mit der Funktion des Gedächtnisses, der Regulierung von Schlaf, Stimmung, Sexualverlangen und Appetit assoziert werden

Die stimmungsfördernde Wirkung von Johanniskraut basiert auf der Beobachtung, dass Menschen mit Depressionen häufiger einen geringeren Serotonin-Spiegel als nicht-depressive Menschen aufweisen.

Darüber hinaus steigert Johanniskraut ebenfalls die Konzentration des Neurotransmitters GABA, der in vielen Vorgängen im Gehirn eine hemmende, beruhigende Rolle spielt, von Dopamin, einem Neurotransmitter, der unter anderem im Belohnungssystem und bei der Motivationsbildung eine Rolle spielt, und von Noradrenalin, einer Art Gegenspieler zum GABA mit einer anregenden Wirkung in vielen Prozessen des zentralen Nervensystems.

Serotonin und Depressionen

Dopamin und Depressionen

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Johanniskraut

Auch wenn Johanniskraut gegenüber rezeptpflichtigen Medikamenten deutlich weniger und deutlich schwächere Nebenwirkungen aufweist, kommt es doch nicht ganz ohne aus.

Die relativ häufigsten Nebenwirkungen von Johanniskraut sind Empfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht, Unruhe oder Angst, Mundtrockenheit, Schwindel, Verdauungsbeschwerden, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Libido-Verlust und Hautirritationen. Diese Effekte treten insgesamt selten auf.

Manche Menschen berichten von Kreislauf-Problemen, wenn sie sie Lebensmittel mit hohem Gehalt an der Aminosäure Tyramin essen und gleichzeitig ein Johanniskraut-Präparat verwenden. Tyramin findet sich besonders in Lebensmitteln, die durch Gärung oder Fermentierung hergestellt werden, wie z. B. Wein, Bier, viele Käse-Sorten, Sauerkraut, fermentierte Soja-Produkte und Schokolade. Besonders bei Bluthochdruck sollte man diese mögliche Nebenwirkung im Hinterkopf behalten.

Außerdem:

  • Johanniskraut sollte niemals zusammen mit anderen Antidepressiva eingenommen werden. Insbesondere sollte es nicht mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern eingenommen werden, da es zu einer Überversorgung mit Serotonin und damit dem unter Umständen lebensgefährlichen Serotonin-Syndrom kommen kann.
  • Schwangere Frauen sollten ebenfalls von Johanniskraut Abstand halten, da es keine ausreichend verlässlichen Studien zu den Auswirkungen auf das ungeborene Kind gibt.
  • Johanniskraut kann die Zuverlässigkeit von hormonbasierten Verhütungsmethoden verringen.
  • Johanniskraut kann die Wirksamkeit von Krebsmedikamenten einschränken.
  • Bei einer bipolaren Persönlichkeitsstörung sollte nicht auf Johanniskraut zurückgegriffen werden, da die Erhöhung des Serotonin-Spiegels eine manische oder hypomanische Phase induzieren kann.
  • Aus dem gleichen Grund wie zuvor sollten hypersensitive Menschen Rücksprache mit ihrem Arzt oder Therapeuten halten, da von ihnen bekannt ist, dass Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer eine Hypomanie hervorrufen kann.

Generell sollte man zumindest kurz mit seinem Hausarzt Rücksprache halten. Auch wenn die weitreichende Verfügbarkeit von Johanniskraut-Präparaten suggeriert, dass es sich dabei um harmlose Nahrungsergänzungsmittel handelt, sind sie doch ein Medikament, das nicht für jeden geeignet ist.

Wirkung von Johanniskraut auf die Libido

Der Einfluss von Johanniskraut auf die Libido, das Sexualverlangen, ist zwiespältig. Einerseits, wie im Abschnitt zu den Nebenwirkungen genannt, kann Johanniskraut die Libido senken. Andererseits wird Johanniskraut auch als Aphrodisiakum, also als luststeigerndes Mittel, empfohlen.

Wirklich eindeutige Studien dazu gibt es nicht. Die wahrscheinlichste Erklärung für den Zwiespalt ist wohl, dass beides zutrifft. Johanniskraut greift in den Neurotransmitterhaushalt ein, unter anderem auf das Serotonin. Von anderen ähnlich wirkenden Mitteln ist bekannt, dass derartige Veränderungen im Neurotransmitterhaushalt zu einem Abfall des Sexualverlangens führen kann. Das betrifft nicht jeden Menschen, aber doch eine nennenswerte Anzahl.

Gleichzeitig verbessert Johanniskraut das Wohlbefinden, lindert Depressionen und Angstgefühle, das Wohlbefinden generell, was wiederum zu einer Steigerung der Libido führen kann. Wer glücklicher ist, hat mehr Spaß an und mehr Lust auf Sex.

Je nachdem, wie sehr man von einem der beiden Effekte betroffen ist, steigert und verringert sich das Sexualverlangen und manchmal ändert sich auch einfach gar nichts. Man kann also nicht sagen, dass Johanniskraut gut oder schlecht für die Libido sei. Das hängt von der Person ab, die das Mittel einnimmt.