Was sind Cluster B-Persönlichkeitsstörungen?

Menschen mit einer Cluster B-Persönlichkeitsstörung, auch dramatisch-emotional genannt, fällt es schwer, Emotionen, Denken und Handeln zu kontrollieren.

Was sind Cluster B-Persönlichkeitsstörungen?

In den vergangenen Jahren kann man auf Youtube und in sozialen Netzwerken vermehrt die Bezeichnung Cluster B finden. Zum Beispiel im Bereich von Beziehungsratgebern ist dann die Rede von Cluster-B-Persönlichkeiten und wieso und weshalb eine Beziehung mit diesen ein Stück harte Arbeit sei. Doch was ist Cluster B?

Cluster ist das englische Wort für Gruppe. Cluster B ist eine im amerikanischen Diagnoseleitfaden DSM-5 Gruppierung von Persönlichkeitsstörungen. Diese Gruppe umfasst die sogenannten dramatisch-emotionalen Persönlichkeitsstörungen wie z. B. Borderline oder die narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Neben Cluster B gibt es noch Cluster A, die seltsamen, exzentrischen Störungen wie z. B. die paranoide oder schizoide Persönlichkeitsstörung, und es gibt den Cluster C, die ängstlich, vermeidenden Störungen wie die zwanghafte Persönlichkeitsstörung.

Persönlichkeitsstörungen im Cluster B

In die Kategorie der Cluster B-Persönlichkeitsstörungen fallen folgende Störungen:

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung
  • Antisoziale bzw. dissoziale Persönlichkeitsstörung

Ihnen ist gemein, dass Betroffene in ihrem Denken, Fühlen und Handeln übertrieben dramatisch und emotional sind. Sie haben Probleme, adäquat mit ihren eigenen Gefühle umzugehen. Ebenso ist ein gestörtes oder wankelmütiges Selbstbild typisch, oft einhergehend mit einem geringen Selbstwertgefühl. Launenhaftigkeit, Impulsivität, überschwängliche Emotionen, selbstschädigendes Verhalten oder Aggressivität gegenüber anderen und generell ein unstetes, von starken Kontrasten gekennzeichnetes Verhältnis zu anderen Menschen, z. B. im Rahmen einer Partnerschaft, sind die Eigenschaften, die man landläufig mit Cluster B assoziiert.

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Das Gefühlsleben eines Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch sehr intensive, aber auch wechselhafte Emotionen. Ein häufig gebrauchtes Gleichnis ist, dass ein Betroffener jemand ist, der eine schwere Verbrennung erlitten hat, und jede noch so kleine Berührung der verbrannten Haut bereitet ihm unermessliche Schmerzen.

Das bekannte Klischee eines Borderliners ist das eines Menschen, der zu heftigen, unbegründeten Wutausbrüchen neigt und der dazu neigt, sich selbst zu verletzen, um sich selbst zu beruhigen. Das trifft aber nicht auf jeden Betroffenen zu. Es gibt Borderliner, die sich nicht selbst verletzen, zumindest nicht nach außen sichtbar. Es gibt auch Borderliner, die ihre Wut nicht nach außen richten und eben nicht in dramatische Wutorgien verfallen. Symptome von Borderline-Persönlichkeitsstörung sind mehrere der folgenden:

  • Ein häufiges Gefühl innerer Leere
  • Eine große Angst vor dem Verlassenwerden und das Unternehmen großer Anstrengungen, das tatsächliche oder vermeintliche Verlassenwerden zu verhindern
  • Instabile zwischenmenschliche Beziehungen, die zwischen Idealisierung und Abwertung schwanken
  • Selbstverletzendes Verhalten, Suizidversuche oder die Androhung von Selbstmord (z.B. um den Partner von einer Trennung abzuhalten)
  • Gereiztheit und Impulsivität
  • Ein instabiles Selbstbild und eine gestörte Selbstwahrnehmung
  • Überzogene Wutausbrüche

Ein von Borderline Betroffener ist unstet in seinem Gefühlsleben und ist seinen Gefühlen in gewissem Maße schutzlos ausgeliefert. In Momenten starker Emotionen verliert er die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen, denn seine Gefühle sind derart intensiv, dass sich sein Denken verändert. Beispiel dafür ist das sogenannte Splitting, bei dem eine Person, ein Ereignis oder die Welt nur noch in gut oder böse, schwarz oder weiß gesehen wird, ohne jeden Zwischenton.

Partner von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung kennen dieses extreme Schwarz-Weiß-Denken, in dem sie an einem Tag als der großartigste Mensch auf Erden angesehen werden und am nächsten Tag als der schlimmste, verachtenswerteste Mensch, der je gelebt hat. Ebenso kommen sie häufig in Kontakt mit einer gewissen emotionalen Vergesslichkeit, in der der Borderline-Partner schnell von Zweifeln an die Stabilität der Partnerschaft überwältigt wird und die ständige Versicherung braucht, noch geliebt zu werden.

Aufgrund dieser intensiven Gefühlswelt neigen Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung zu Drogen- und Alkoholmissbrauch und sexuell ausschweifendem, manchmal gefährlichem Verhalten. Die Selbstmordrate ist gegenüber der Normalbevölkerung stark erhöht. Bis zu 80% aller Betroffenen unternehmen in ihrem Leben mindestens einen Selbstmordversuch, wobei auch gesagt werden muss, dass nicht alle diese Versuche tatsächlich das Ziel haben, sich das Leben zu nehmen, sondern dazu unternommen werden, um andere Menschen wie z.B. den Partner an sich zu binden.

Ausführlicher Artikel zur Borderline-Persönlichkeitsstörung

Selbsttest: Habe ich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung?

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung äußert sich durch folgende Symptome:

  • Selbstherrlichkeit und ein übertriebenes Gefühl der eigenen Wichtigkeit
  • Häufige Fantasien von unbegrenztem Erfolg, Macht, Genialität, Schönheit oder idealer Liebe
  • Der starke Glaube an die eigene Einzigartigkeit oder Besonderheit und daran, nur von anderen ebenso besonderen oder einzigartigen Menschen verstanden zu werden
  • Ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung
  • Ein ausgeprägtes Anspruchsdenken
  • Ausbeuterisches, manipulatives Verhalten
  • Mangelnde Empathie
  • Häufiger Neid oder der Glaube, andere seien neidisch auf einen selbst
  • Arroganz und Hochmut

Im Zentrum der narzisstischen Persönlichkeitsstörung steht ein gestörtes Selbstbild, das anderer Menschen bedarf, um sich selbst als wertvoll zu empfinden, und das durch Verhaltensweisen, die häufig auf Abwertung und Ausnutzung des Anderen basieren. Ein Narzisst in dem Sinne ist nicht jemand mit einem besonders ausgeprägten Selbstwertgefühl, sondern ein Mensch, der die Bewunderung anderer braucht, um sein Selbstwertgefühl am Leben zu erhalten.

Ausführlicher Artikel zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung

Selbsttest: Habe ich eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Histrionische Persönlichkeitsstörung

Die Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung sehen an der Oberfläche für viele Menschen erst einmal relativ harmlos aus. Dennoch leiden davon betroffene Menschen nicht weniger als bei anderen Persönlichkeitsstörungen.

Die typischen Anzeichen einer histrionischen Persönlichkeitsstörung sind:

  • Ausgeprägte Selbstzentriertheit
  • Ein starkes Bedürfnis danach, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen
  • Ständige Suche nach Bestätigung durch andere Menschen
  • Übertrieben sexuell aufreizendes Verhalten oder Aussehen
  • Hohes Frustrationspotenzial bei tatsächlicher oder gefühlter Ablehnung
  • Starker Fokus auf das eigene Aussehen und die dadurch hervorgerufene Wirkung auf andere Menschen
  • Leichte Beeinflussbarkeit
  • Hang zu Dramatisierung von Ereignissen und den eigenen Gefühlen
  • Die Tendenz, Beziehungen zu anderen Menschen als inniger anzusehen, als sie tatsächlich sind

Ähnlich wie bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung braucht das Selbstbild bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung andere Menschen, um sich selbst einen Wert zu geben. Die gewählte Strategie, um es salopp zu formulieren, ist hier aber eher die, sich bei anderen Menschen beliebt zu machen, z.B. durch sexuell aufreizendes Verhalten.

Ihr Leben ist ein Drama und ihr Leben arm an unwichtigen Kleinigkeiten, denn diese Drama sichert ihnen die Aufmerksamkeit, nach der sie sich sehnen.

Selbsttest: Habe ich eine Histrionische Persönlichkeitsstörung?

Histrionische Persönlichkeitsstörung: Anzeichen und Symptome

Antisoziale oder dissoziale Persönlichkeitsstörung

Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung erscheinen, als ob sie wenig auf soziale Normen, Gesetze und die Bedürfnisse und das Wohlbefinden anderer Menschen geben. In der Umgangssprache kennt man den Begriff des Soziopathen, der für besonders schwere Ausprägungen dieser Störung verwendet wird.

Typische Symptome von antisozialer Persönlichkeitsstörung sind:

  • Missachtung von sozialen Normen und Gesetzen, inklusive kriminellem Verhalten
  • Unstetes Berufsleben
  • Instabile zwischenmenschliche Beziehungen
  • Mangel an Reue
  • Gereiztheit und Aggressivität
  • Leichtsinniges, rücksichtsloses und impulsives Verhaltens
  • Mangel an Rücksichtnahme auf das Wohlbefinden und die Gefühle anderer Menschen
  • Häufiges Lügen und Täuschen
  • Fehlendes Einfühlungsvermögen

Im Diagnoseleitfaden ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation wird statt antisozialer Persönlichkeitsstörung der Begriff dissoziale Persönlichkeitsstörung verwendet.

Aufgrund der Charakteristiken einer antisozialen bzw. dissozialen Persönlichkeitsstörung kommen Betroffene häufiger mit dem Gesetz in Konflikt als Nichtbetroffene. Sie haben Schwierigkeiten, echte Reue zu empfinden, und vielmehr sehen sie oft die Schuld bei den Opfern ihrer Handlungen statt bei sich selbst.

Sie tendieren dazu, sich selbst und andere in gefährliche Situationen zu bringen, da sie einerseits sehr impulsiv sind und andererseits keinen Sinn für Gefahr haben. Das führt dazu, dass Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung Probleme haben, ein normales Leben zu führen, längere Zeit einen Beruf zu halten und romantische und freundschaftliche Beziehungen einzugehen. Sie haben eine aufgrund ihrer Leichtsinnigkeit eine erhöhte Anfälligkeit für Unfälle und die Selbstmordrate ist gegenüber der Normalbevölkerung deutlich erhöht.

Mehr zur antisozialen Persönlichkeitsstörung

Komorbidität

Typisch für alle Gruppen bzw. Cluster ist, dass Betroffene oft nicht nur Anzeichen einer Störung in der Gruppe zeigen, sondern von mehreren Störungen sowohl innerhalb der gleichen Gruppe als auch außerhalb.

In Studien zeigen z. B. bis zu 40 % der Studienteilnehmer mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung auch Symptome von Borderline. Mehr als 10 % von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung zeigen ebenfalls Symptome von histrionischer Persönlichkeitsstörung.

Eine mögliche Erklärung für diese Beobachtungen, die an Gewicht gewonnen hat, ist die, dass diese Persönlichkeitsstörungen nicht klar voneinander abgetrennte Entitäten sind. Vielmehr bilden die Cluster B-Störungen und Persönlichkeitsstörungen insgesamt ein Spektrum, in dem sich ein Betroffener an einer bestimmten Stelle verortet und dort vielleicht mehr histrionische Merkmale zeigt und weniger Symptome von Borderline, oder mehr narzisstische Merkmale und dafür weniger antisoziale Symptome zeigt.

An vielen Stellen überschneiden sich Symptome und Ursachen, Verhaltensweisen und Denkmuster. Einer Theorie zufolge sind die Symptome dieser Persönlichkeitsstörungen, das verzerrte Denken und Verhalten, fehlgeleitete Bewältigungsstrategien für frühkindliche Stressoren und traumatische Erlebnisse im Kindes- und Jugendalter wie z.B. Missbrauch, Verlust eines Elternteils, Vernachlässigung im Elternhaus oder Mobbing. Die gleiche Ursache kann bei einem Menschen dazu führen, dass er eine unbändige, irrationale Angst vor dem Verlassenwerden durch jedweden nahestehenden Menschen entwickelt, während ein anderer die Fähigkeit verliert oder erst gar nicht ausbildet, einen anderen Menschen nahe an sich herankommen zu lassen.