Komplexe posttraumatische Belastungsstörung K-PTBS – Ursachen und Behandlung

Menschen, die über längere Zeit traumatischen Ereignissen ausgesetzt sind, können eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung ausbilden.

Komplexe posttraumatische Belastungsstörung K-PTBS – Ursachen und Behandlung

Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS oder PTSD im Englischen) ist wahrscheinlich jedem Menschen ein Begriff, der schon einmal einen Antikriegsfilm der letzten Jahrzehnte geschaut hat. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich dabei um eine psychische Veränderung, die in Folge von traumatischen Ereignissen auftritt, die direkt oder indirekt erlebt wurden.

Von PTBS betroffene Menschen können den traumatischen Erinnerungen nicht entkommen. Sie können die Tür nicht zumachen hinter den belastenden Erlebnissen. Sie werden von Erinnerungen überwältigt oder von Albträumen geplagt. Selbst unscheinbar anmutende Dinge, die sie an ihr Trauma erinnern, führen zu schweren körperlichen und psychischen Reaktionen. Depressionen, Schlafstörungen, Gereiztheit, Aggressionen, Flashbacks, selbstzerstörerisches Verhalten, all das sind die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Laut dem U.S. Department of Veterans Affairs haben etwa 15% aller Vietnamkriegs-Veteranen eine posttraumatische Belastungsstörung ausgebildet. Bei Soldaten, die in den beiden Golfkriegen kämpften, sind es zwischen 11% bis 20%.

PTBS ist aber nicht nur auf Kriegserlebnisse beschränkt, sondern kann auch Folge von sexuellem Missbrauch, Naturkatastrophen, Unfällen, Raubüberfällen und mehr sein, sei es selbst erlitten oder beobachtet. So listet der amerikanische Diagnoseleitfaden DSM 5 explizit auch das Beispiel eines Polizisten, der wiederholt mit detaillierten Schilderungen von Kindesmissbrauch konfrontiert wird.

Was ist eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung?

Es gibt die allgemeine Ansicht, dass sich eine posttraumatische Belastungsstörung aufgrund eines spezifischen Einzelereignisses ausbildet. Das ist zwar häufig der Fall, aber eben nicht immer. Auch fortwährende, sich wiederholende Traumatisierung kann zu PTBS führen.

Dennoch wurde dieses Krankheitsbild schnell als nicht ausreichend befunden, um die Folgen von lang anhaltender Traumatisierung adäquat zu beschreiben. Gerade im Bereich von anhaltendem sexuellen, körperlichen oder emotionalen Missbrauchs gibt es viele Betroffene, deren Symptome sehr ähnlich zur posttraumatischen Belastungsstörung sind, die aber auch wichtige Unterschiede aufweisen. Aus diesem Grunde hat sich seit den 90er Jahren der Begriff bzw. das Krankheitsbild komplexe posttraumatische Belastungsstörung herausgebildet, kurz: komplexe PTBS oder K-PTBS, der in der ab 2022 gültigen elften Fassung des Diagnoseleitfadens ICD der Weltgesundheitsorganisation erstmals als eigenständige Diagnose enthalten sein wird.

Das ICD-11 beschreibt komplexe PTBS wie folgt (Text übersetzt aus dem Englischen): „Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (Komplexe PTBS) ist eine Erkrankung, die sich ausbilden kann infolge des Erlebens eines Ereignisses oder einer Reihe von Ereignissen extrem bedrohlicher oder entsetzlicher Natur, meistens lang währende oder sich wiederholende Ereignisse, aus denen die Flucht schwierig oder unmöglich ist (z. B. Folter, Sklaverei, Völkermord, anhaltende häusliche Gewalt, wiederholter sexueller oder körperlicher Missbrauch in der Kindheit).

Alle Diagnosekriterien für PTBS sind erfüllt. Darüber hinaus zeichnet sich die komplexe PTBS aus durch schwere und anhaltende …

  1. Probleme bei der Affektregulation
  2. Ansichten, selbst minderwertig, gescheitert oder wertlos zu sein, begleitet von Gefühlen der Scham, Schuld oder Versagen in Bezug auf das traumatische Ereignis
  3. Schwierigkeiten Beziehungen aufrecht zu erhalten und sich anderen nah zu fühlen

Diese Symptome verursachen erhebliche Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen Bereich in der Ausbildung oder im Beruf oder in anderen wichtigen Lebensbereichen.“

Unterschied zwischen PTBS und K-PTBS

Laut der Definition des ICD liegt der Unterschied zwischen PTBS und K-PTBS nicht darin, wie oft das traumatische Ereignis erlebt wurde. Beide Formen können aufgrund eines einzelnen Ereignisses oder aufgrund einer Reihe von Ereignissen auftreten.

Der Unterschied zwischen PTBS und K-PTBS ist der, dass K-PTBS alle Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung abdeckt, also:

  1. … dass das traumatische Ereignis ständig wiedererlebt oder wiedererinnert wird.
  2. … dass versucht wird, allem aus dem Weg zu gehen, dass diese Erinnerungen befeuern könnte.
  3. … dass man sich ständig in einem Zustand gefühlter Bedrohung befindet.

Zu diesen Symptomen kommen bei der komplexen PTBS nun drei neue Symptome hinzu:

  • Schwierigkeiten Emotionen, Gefühle und Affekte zu regulieren
  • das Gefühl minderwertig zu sein und Scham, Schuld oder das Gefühl des Versagens
  • Schwierigkeiten Beziehungen aufrechtzuerhalten und sich anderen Menschen nah zu fühlen

In der Praxis zeigen Menschen mit K-PTBS oft einen Hang zur Isolation. Sie fühlen sich hilflos und dem Schicksal ausgeliefert. Sich schämen sich oder fühlen sich schuldig für das von ihnen Erlebte. Das macht es ihnen schwer, offen auf andere Menschen zuzugehen. Oft fühlen sie sich, als müssten sie sich verstecken und als könne sie niemand verstehen. Erschwerend wirkt dabei ihre Unfähigkeit, auf Distanz zu ihrem inneren Erleben zu gehen. Es fällt ihnen schwer, nicht von Emotionen und Gefühlen übermannt zu werden, was sich in ungewöhnlich starken Gefühlsschwankungen, in Wutanfällen und Weinkrämpfen äußern kann.

Betroffene haben große Schwierigkeiten in Konfliktsituationen und tendieren entweder zu Vermeidungsverhalten oder zu Aggression. Nicht unüblich ist auch ein gewisses selbstzerstörerisches Verhalten, in dem sie sich in Situationen bringen, in denen ausgenutzt oder missbraucht werden, oder selbst zum Täter werden.

Auch berichten viele Betroffene von dissoziativem Erleben, also einem Erleben, in dem man die Außenwelt oder sich selbst als unwirklich wahrnimmt. Die Welt fühlt sich zum Beispiel an, als wäre sie nur eine Projektion auf einer Kinoleinwand, oder man spürt, dass eigentlich jemand anderes die Kontrolle über einen selbst besitzt und man nicht allein in diesem Körper ist.

Recht naheliegend bei diesen Symptomen ist, dass Betroffene verstärkt zu Selbstmedikation neigen und Alkohol- und Drogenmissbrauch eine typische Begleiterscheinung von K-PTBS sind.

Unterschied zwischen Borderline und K-PTBS

Die Symptome der komplexen PTBS besitzen nicht von ungefähr eine auffällige Ähnlichkeit zu einer Reihe von Symptomen der Borderline-Persönlichkeitsstörung. In der Tat ist bekannt, dass posttraumatische Belastungsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung eine hohe Komorbidität haben. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 25% bis zu 60% aller von PTBS betroffenen Menschen auch die Kriterien für Borderline erfüllen.

Der Unterschied zwischen Borderline und K-PTBS ist nicht ganz eindeutig. Beide Krankheitsbilder sind sich in vielen Punkten sehr ähnlich. Der Hauptunterschied ist der, dass die Symptome von Borderline Folge eines unvollständigen oder inkonsistenten Selbstbildes sind. Ein Mensch mit Borderline weiß nicht, wer er ist, bzw. ist er heute so und morgen ganz anders. Ein Mensch komplexer posttraumatischer Belastungsstörung hat sicherlich nicht die beste Ansicht von sich selbst, aber diese Ansicht ist stabil und konsistent. Seine Symptome werden durch Gedanken und externe Dinge getriggert, die ihn in welcher Form auch immer an das traumatische Erleben erinnern.

In der psychotherapeutischen Praxis ist die Unterscheidung zwischen Borderline und K-PTBS nicht ganz einfach. Auch bei Menschen, die an Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, finden sich vielfach traumatische Kindheitserlebnisse wie der Verlust eines Elternteils, anhaltendes Mobbing in der Schule, Gewalt oder Vernachlässigung im Elternhaus.

Während aber ein von K-PTBS betroffener Mensch eine Verbesserung einer Symptome darin finden kann, sich mit dem traumatischen Erlebnis auseinanderzusetzen und dieses aufzuarbeiten, gilt das im Falle der Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht. In diesem Falle ist es effektiver, dass er lernt, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, Nähe zu anderen Menschen zuzulassen und dass er eine gesunde Distanz zu seinen Emotionen und Affekten aufbauen kann.

Ursachen einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung

Einige der möglichen Ursachen einer K-PTBS wurden schon an verschiedenen Stellen im Artikel erwähnt. Jedes länger währendes oder wiederholtes Erleben von Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, Machtlosigkeit kann zu K-PTBS führen, wie:

  • Folter
  • Leben in einem Kriegsgebiet
  • Geiselnahme
  • Flucht vor Krieg
  • Obdachlosigkeit
  • Anhaltende Konfrontation mit Gewalt, Tod oder menschlichem Leid
  • Physischer, sexueller oder emotionaler Missbrauch
  • Schwere Vernachlässigung im Elternhaus

Aktuell viel diskutiert wird auch, inwiefern von emotionalem Missbrauch oder Vernachlässigung geprägte Familienbeziehungen oder Partnerschaften Auslöser einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung sein können, insbesondere im Kontext von Konstellationen mit einem narzisstischen Partner. Vieles deutet darauf hin, dass die oft über Jahre oder Jahrzehnte gehende Bindung an einen grandiosen oder verdeckten Narzissten zu psychischen Problemen führen kann, welche die Kriterien für K-PTBS erfüllen.

Behandlung von K-PTBS

Eine erfolgreiche Behandlung von komplexer posttraumatischer Belastungsstörung beginnt zunächst einmal mit der korrekten Diagnose. Das mag trivial klingen, aber da das Krankheitsbild relativ jung ist und viel Ähnlichkeit zu anderen Krankheitsbildern wie Borderline oder abhängiger Persönlichkeitsstörung zeigt, ist es leicht, zu einer Fehldiagnose und damit zu einer falschen Behandlung kommt.

Bei der Behandlung von K-PTBS steht die Auseinandersetzung mit dem Trauma im Mittelpunkt. Man sollte also schon gleich zu Beginn klären, ob der gewählte Therapeut mit Methoden der Traumatherapie vertraut ist, z. B. traumafokussierte Verhaltenstherapie oder EMDR, und idealerweise in der Behandlung von K-PTBS oder PTBS geschult ist.

Abseits der Therapie mit einem professionellen Therapeuten hilft es Betroffenen, sich intensiv mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen, wie K-PTBS funktioniert und wie sich die Krankheit bei ihnen selbst äußert. Zur Linderung der Symptome beitragen können wie so häufig bei psychischen Störungen die folgenden Aktivitäten:

  • Meditation
  • Sport
  • Vermeidung von Alkohol und Drogen
  • Soziale Aktivitäten und Aufrechterhaltung des Kontakts zu Freunden und Familie
  • Gesunde Ernährung

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