Serotonin und Depressionen - ein Überblick

Welche Rolle spielt der Neurotransmitter Serotonin bei der Entwicklung einer Depression?

Serotonin und Depressionen - ein Überblick

Serotonin ist neben Dopamin und Noradrenalin einer der im Kontext von Depressionen und Angsterkrankungen wichtigen Neurotransmitter, also ein chemischer Botenstoff, der an der Weiterleitung von Signalen zwischen verschiedenen Teilen des Gehirns bzw. des zentralen Nervensystems beteiligt ist. Insbesondere von Interesse sind hier Bereiche, die mit der Funktion des Gedächtnisses, der Regulierung von Schlaf, Stimmung, Sexualverlangen und Appetit assoziert werden. Darüber hinaus findet sich Serotonin, und das in deutlich größerem Maße, im Verdauungssystem, im Blut und im Herz-Kreislaufsystem, wo es an der Steuerung von Körperfunktionen wie der Blutgerinnung oder Darmkontraktion beteiligt ist.

Serotonin und Depressionen

Seit den 1950er Jahren hat sich die Auffassung entwickelt, dass eine Störung im Serotoninhaushalt bzw. ein Ungleichgewicht im gesamten Neurotransmitter-Haushalt entweder eine wesentliche Ursache oder zumindest verstärkende Begleiterscheinung einer Depression sei. Diese Auffassung entstand anfangs aus der Beobachtung, dass bestimmte Medikamente, wie z. B. das Tuberkulose-Mittel Iproniazid als Nebenwirkung zu einer Stimmungsverbesserung bei Patienten führte. Tierversuche mit verschiedenen Medikamenten zeigten im Tierversuch einen Einfluss auf Serotonin- oder Dopamin-Rezeptoren im Gehirn, was zur rein biologisch gesehenen Schlussfolgerung führte: Depressionen sind eine Störung im Neurotransmitterhaushalt.

Diese Interpretation an sich ist auch nicht falsch. Sie ist nur problematisch, wenn sie als alleinige Erklärung herhalten muss. Zum Beispiel sind so genannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Sertralin (Zoloft) ein typisches Medikament, das bei Depressionen verschrieben wird. Diese Medikamente kurbeln nicht etwa die Serotonin-Produktion im Gehirn an, sondern sie erhöhen dessen Aktivität.

Wenn eine Nervenzelle ein Signal an eine andere Nervenzelle übermittelt, dann sondert sie chemische Botenstoffe wie eben Serotonin in einen kleinen Spalt zwischen den beiden Nervenzellen ab. Rezeptoren an der Empfängerzelle 'erkennen' die Botenstoffe und leiten entsprechend das Signal weiter. Anschließend wird ein Großteil der Botenstoffe von der sendenden Zelle wieder absorbiert, ungefähr 10 % gehen in dem Prozess verloren und werden abgebaut. Ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verlangsamt diesen Absorbtionsprozess, was dazu führt, dass das Serotonin länger im Spalt zwischen den beiden Nervenzellen verbleibt und die Rezeptoren der Empfängerzelle stärker stimuliert werden.

Bei ungefähr 66 % aller Patienten (andere Studien kommen auf bis zu 75 %) führt die Einnahme eines Wiederaufnahme-Hemmers tatsächlich zu einer gefühlten Verbesserung. Einerseits geht dies aber oft einher mit merklichen Nebenwirkungen wie Libido-Verlust, Impotenz oder Verdauungsstörungen. Andererseits haben über die Jahre mehrere Studien gezeigt, dass derartige Medikamente nicht gravierend besser als Placebos abschneiden und dass regelmäßige Meditation ähnliche Resultate erzielen kann. Das soll nicht heißen, dass diese Medikamente wirkungslos sind, sondern dass ihr Einsatz aufgrund ihrer Nebenwirkungen genau überdacht sein sollte. Eine typische Situation, in der sie von Nutzen sind, ist eine akute depressive Episode, in der der Leidensdruck so groß ist, dass eine Psychotherapie nicht sinnvoll möglich ist. Hier kann ein Medikament wie Sertralin die notwendige Atempause verschaffen, um sich dem Problem in einer Therapie anzunehmen. Aktuell nehmen 10 % aller US-Amerikaner Antidepressiva wie Zoloft. Dass das nicht richtig sein kann, liegt nahe.

Serotonin spielt ohne Zweifel eine wichtige Rolle in der Ausbildung einer Depression oder Angsterkrankung. Die naive Formel 'mehr Serotonin und schon ist alles wieder gut', hat jedoch mit der Realität nicht sonderlich viel zu tun. Das sieht man schon daran, dass der Neurotransmitter Dopamin eine ähnliche Rolle spielt, beide aber in bestimmten Grenzen gegenseitig negativ korrelieren. Die langfristige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit 5-HTP, einer Vorstufe von Serotonin, führt zum Beispiel zu einer Beeinträchtigung im Dopamin-Haushalt. Daher auch die heute häufig gebrauchte Formulierung vom 'Ungleichgewicht' der Neurotransmitter statt 'Mangel'.

Serotonin und Ernährung

Die Grundbausteine für die Bildung von Serotonin werden durch die Nahrung aufgenommen. Es wird im Wesentlichen an zwei Stellen im Körper gebildet:

  • In der Darmschleimhaut
  • Im Zentralnervensystem

Der große Teil wird im Verdauungstrakt gebildet und steht dem Gehirn bzw. Zentralnervensystem nicht zur Verfügung.

Dabei wird Serotonin grob in zwei Schritten gebildet:

  1. L-Tryptophan wird in 5-HTP (5-Hydroxytryptophan) umgewandelt.
  2. 5-HTP wird in Serotonin umgewandelt.

Der wichtige Punkt ist, dass Serotonin selbst nicht die Hirn-Blut-Schranke überwinden kann. Empfehlungen wie mehr Bananen zu essen, um Serotonin direkt über die Nahrung aufzunehmen und so depressive Verstimmungen zu bekämpfen, sind Unsinn. Vermehrt Serotonin, auf welche Art auch immer, direkt durch die Nahrung aufzunehmen, ändert nichts an deiner Stimmung, sondern sorgt allenfalls für Bauchschmerzen. Es gibt Nahrungsergänzungsmittel, die synthetisches L-Tryptophan oder 5-HTP enthalten und die tatsächlich positive Resultate bei einer leichten oder mittelschweren Depression gezeigt haben. Vorzuziehen ist hier das 5-HTP, weil vom Tryptophan zu viel im Magen-Darm-Trakt umgewandelt wird und dort zu Verdauungsproblemen führen kann. Gleichzeitig aber sollte der schon beschriebene Effekt beachtet werden, dass eine längerfristige Einnahme von 5-HTP negativ auf den Dopaminhaushalt schlagen kann, was wiederum zu Depressionen führen kann. Es gibt eben keine magische Pille, die alle Probleme löst.

Wichtig zu wissen, ist auch, dass die Umwandlung von L-Tryptophan zu 5-HTP zu Serotonin nicht isoliert geschieht, sondern dass daran noch deutlich mehr Stoffe beteiligt sind. Die wichtigsten sind:

  • Eisen
  • Magnesium
  • Nikotinsäure (Vitamin B3)
  • Folsäure (Vitamin B11)
  • Vitamin B12

Von all diesen Stoffen weiß man, dass Depressionen ein häufig beobachteter Effekt bei einer entsprechenden Unterversorgung ist. B-Vitamine und Magnesium sind aktuell stark im Gespräch. Wer unter einer Depression leidet und versucht, dieser über gesunde Ernährung zu begegnen, was generell zu empfehlen ist, sollte sich also auch diese Stoffe sehr genau anschauen und sicherstellen, dass er genug davon zu sich nimmt.

Nahrungsmittel, die bekannt dafür sind, die Serotoninversorgung anzukurbeln sind:

  • Bestimmte Fischsorten, z. B. Thunfisch
  • Walnüsse
  • Eier
  • Avocado
  • Hühner- oder Truthahnfleisch
  • Samen wie Leinsamen oder Chiasamen

Weiterhin, und generell sinnvoll, sollte weitgehend auf Zucker und industriell verarbeitete Lebensmittel verzichtet werden.

Es kann auch sinnvoll sein, mit dem Hausarzt einmal durchzuchecken, ob es körperliche Ursachen geben kann, die z. B. die Aufnahme von Vitamin B12 oder Magnesium beeinträchtigen. Viel zu häufig wird bei einer Depression nicht überprüft, ob sich nicht hier die Ursache finden lässt. So weiß man, dass allein in den USA etwa die Hälfte aller Menschen zu wenig Magnesium aufnehmen.

Serotoninkiller

Neben einer Unterversorgung mit den zuvor genannten Stoffen, gibt es einige ungesunde Verhaltensweisen, die deinen Serotoninhaushalt durcheinander bringen können.

Ganz vorne dabei sind Drogen wie Ecstasy (MDMA), Kokain und allgemein Amphetamine. Diese führen unter anderem zu einer verstärkten Ausschüttung von Serotonin, bis, einfach gesagt, am Ende nichts mehr da ist. Partygänger kennen den Effekt, das nach einer durchtanzten Nacht mit der ein oder anderen Pille auf einmal der Stimmungshammer kommt und man in eine mittweilen schwere Depression verfällt. Dieser Effekt kann unter Umständen vom Körper nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Auch Alkohol setzt dem Serotoninhaushalt zu. Menschen, die schon so an einer Depression leiden, kann man nur anraten, bis auf ein vereinzeltes Glas Rotwein die Finger vom Alkohol zu lassen. Die wenigen Stunden, in denen die Trunkenheit einen die Sorgen vergessen lässt, bezahlt man mit Tagen, vielleicht auch Wochen und Monaten Niedergeschlagenheit.

Studien haben ebenfalls gezeigt, dass stark kohlenhydratarme Diäten zu einer Unterversorgung an L-Tryptophan führen können. Auch wenn diese Diäten sehr viele Vorteile haben, sollten gerade Menschen mit Depressionen zumindest sehr genau darauf achten, einer Mangelversorgung mit Nahrungsergänzungsmitteln vorzubeugen.

Und nicht zuletzt kann eine ungesunde, bewegungsarme Lebensweise mit Fast Food, industriell verarbeiteten Lebensmitteln und viel zu viel Zucker dem Serotoninhaushalt zusetzen.