Achtsamkeitsmeditation oder Vipassana-Meditation für Anfänger – eine Anleitung

Achtsamkeitsmeditation und achtsames Leben sind kraftvolle Techniken, die bei der Bewältigung von Stress, Angststörungen und Depressionen helfen können.

Achtsamkeitsmeditation oder Vipassana-Meditation für Anfänger – eine Anleitung

Die Achtsamkeitsmeditation ist eine kraftvolle Meditationstechnik, die nachweislich hilft, Stress abzubauen, Ängste und Depressionen zu lindern und die sogar bei der Bewältigung körperlicher Schmerzen und Krankheiten helfen kann.

Im Kontext von Yoga wird die Achtsamkeitsmeditation Sakshi Bhav oder auch Sakshi Bhavana bezeichnet, während man im Buddhismus den Namen Vipassana-Meditation kennt.

Über den reinen Aspekt des Meditierens hinaus, ist das achtsame Leben oder die Achtsamkeit an sich ein Konzept, das in verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen zum Einsatz kommt.

Wie funktioniert Achtsamkeitsmeditation?

Im Zentrum der Achtsamkeitsmeditation steht das Bestreben, die eigene Aufmerksamkeit oder eben auch Achtsamkeit weg von den eigenen Gedanken hin zum Hier und Jetzt zu bewegen. Durch konsequentes Üben von Meditationstechniken aus der Achtsamkeitsmeditation lernt man, auf Distanz zu den eigenen Gedanken zu gehen und sich nicht im Denken und Fühlen von ihnen auffressen zu lassen. Bildlich gesprochen hilft die Achtsamkeitsmeditation dabei, sich einfach mal eine Auszeit von der Welt und all ihren Sorgen zu nehmen.

Eine typische Technik der Achtsamkeitsmeditation ist die Fokussierung auf den eigenen Atem. Man lenkt den Fokus seiner Aufmerksamkeit auf das Ein und Aus der Atembewegung, der Bauchdecke, der Luft, die durch Nase und/oder Mund strömt, und wann immer man merkt, dass die Gedanken abschweifen, lenkt man seine Aufmerksamkeit zurück zur Beobachtung des eigenen Atem.

Letzterer Punkt ist auch, was Anfänger missverstehen und was es ihnen schwer macht, den Einstieg in die Achtsamkeitsmeditation zu finden. Der Sinn der Meditation ist nicht das Abschalten der eigenen Gedanken, liegt nicht darin, nicht zu denken. Die Achtsamkeitsmeditation ist das Lernen, dass man seine Aufmerksamkeit steuern kann und dass man immer die Wahl hat, wie viel Zeit und Energie man auf seine Gedanken verwendet. Schweift man zum Beispiel während der Meditation in eine schmerzhafte Erinnerung ab, so hilft das Üben der Achtsamkeitsmeditation beim Lernen, dass man diese Erinnerung loslassen kann, dass man nicht die nächsten zwei Stunden jedes schmerzhafte Detail erneut durchleben muss, sondern man geht schlichtweg zurück zur Beobachtung des eigenen Atem und lässt die Erinnerung hinter sich. Vielleicht kommt die Erinnerung später wieder, vielleicht wird sie immer noch so schmerzhaft sein wie eh und je, aber hier und jetzt spielt sie keine Rolle.

Diese Konzept der Distanzierung und letztlich auch Verdinglichung der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt hat Ähnlichkeiten zum kognitiven Verhaltenstherapie, die ebenfalls darauf abzielt, dem Menschen beizubringen, Distanz zu seinen Gedanken aufzubauen und sich nicht von ihnen in ihrer emotionalen Irrationalität ganz und gar vereinnahmen zu lassen.

Achtsamkeitsmeditation bei Depressionen und Angststörungen

Mehrere wissenschaftliche Studien konnten nachweisen, dass ein konsequentes Anwenden der Achtsamkeitsmeditation bei depressiven Patienten und Patienten mit Angststörungen ähnliche oder sogar leicht bessere Resultate erzielt wie ein Placebo oder ein modernes Antidepressivum. Mehr noch ist die Meditation der reinen Medikation dahingehend überlegen, dass sie ein geringeres Rückfallrisiko aufweist.

Neuere Therapieformen wie die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie oder Dialektische Verhaltenstherapie nehmen Aspekte des Achtsamkeitskonzepts gleich von Beginn in ihr Konzept auf und vermengen Achtsamkeit und kognitive Verhaltenstherapie zum Beispiel bei der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Achtsamkeit jenseits der Meditation

Das besondere an der Achtsamkeitsmeditation ist, dass sie nicht unbedingt eine reine Meditationstechnik ist. Vielmehr geht es bei ihr auch darum, das Konzept des achtsamen Seins in das Leben zu übertragen, darum, achtsam zu sein, im Hier und Jetzt zu sein. So kann jede Tätigkeit eine achtsame Tätigkeit sein.

Eine typische Übung ist zum Beispiel das achtsame Essen. Man schlingt sein Essen nicht einfach herunter, sondern versucht genau, jedes Detail jedes Bissens wahrzunehmen. Wie fühlt es sich an? Welche Aromen kann ich wahrnehmen? Wie fühlt sich die Temperatur an? Wie riecht es? Hat der Teller ein besonderes Muster? Wie viele Zacken hat die Gabel?

Auf die gleiche Weise kann man einen achtsamen Spaziergang unternehmen, achtsam duschen, achtsam im Meer baden, und und und.

Meditationstechnik für Anfänger: Achtsames Atmen

Diese Meditationsübung kann im Stehen oder Sitzen oder sogar Liegen durchgeführt werden, jederzeit und überall. Alles, was du bei dieser Übung tun musst, ist für einige Zeit still zu sitzen und dich auf deinen Atem zu konzentrieren.

Beginne, indem du langsam ein- und ausatmest. Ein Atemzug sollte etwa sechs Sekunden dauern. Atme in deinen Bauch hinein, nicht in deine Brust.

Nimm tiefe Atemzüge, bei denen du durch die Nase einatmest und durch den Mund ausatmest. All das ohne Mühe, ohne Anstrengung. Lass den Atem mühelos und natürlich durch deinen Körper fließen.

Lass deine Gedanken los und beobachte gezielt deinen Atem. Dein Fokus liegt jetzt auf dem Fluss der Luft, dem Gefühl in deiner Nase beim Einatmen, dem Gefühl auf deinen Lippen beim Ausatmen, auf dem Heben und Senken deiner Bauchdecke.

Und jedes Mal wenn du dich dabei ertappst, einem Gedanken oder einer Erinnerung nachzulaufen, dann nimm das einfach nur wahr und führe deine Aufmerksamkeit zurück zur Beobachtung deines Atems. Bewerte nicht deinen Gedanken und verurteile dich nicht dafür, dass deine Aufmerksamkeit abgeschweift ist. Dieses Abschweifen ist natürlich und Teil der Übung.

Diese Übung kannst du für drei Minuten durchführen oder auch für 20 Minuten, je nachdem wie es dir liegt.

Meditationsübung: Achtsames Beobachten

Diese Übung ist einfach durchzuführen, aber unglaublich kraftvoll, weil sie dir hilft, scheinbar einfache Elemente in deiner Umgebung auf eine tiefere Art und Weise wahrzunehmen und so deinen Geist aus der fiktiven Welt des Denkens, Grübelns, Sorgens zurück in das Hier und Jetzt zu holen. Diese Übung kannst du jederzeit an jedem Ort durchführen.

Wo auch immer du dich gerade befindest, wähle ein Objekt aus deiner näheren Umgebung. Das kann ein Blume sein, eine Lampe in deinem Wohnzimmer, ein Apfel auf dem Küchentisch, oder eine Wolke am Himmel.

Beobachte das Objekt für einige Minuten in all seinen Details. Atme ruhig und versuche so viele Details wie nur möglich zu entdecken. Vielleicht kannst du das Objekt sogar anfassen und seine Oberfläche spüren. Vielleicht wirft es einen Schatten, der eine besondere Form auf der Unterlage annimmt. Betrachte das Objekt, als ob du es zum ersten Mal sehen würdest und du jede Einzelheit seiner Präsenz im Hier und Jetzt in dich aufsaugen wolltest.

Übung: Achtsam sein

Du hast an dieser Stelle das Konzept der Achtsamkeit verstanden. Nun versuche, mehr und mehr Details deines Alltags achtsam zu gestalten.

Wenn du aus der Tür deiner Wohnung gehst, dann halte für einen Moment inne und verschwende ein paar Sekunden deiner Aufmerksamkeit auf die Türklinke oder den Türknauf. Wie fühlt es sich an?

Wenn du auf dem Bürgersteig gehst, kannst du ein Muster in den Gehwegplatten entdecken? Ist dort Unkraut in den Ritzen und weißt du, wie man dieses Unkraut nennt? Weht ein Wind und wie fühlt er sich an auf deiner Haut. Lässt er das Unkraut oder die Blätter eines Baumes am Straßenrand schaukeln? Kannst du ihn hören? Und welche anderen Geräusche kannst du um dich herum wahrnehmen?

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