Antidepressiva-Absetzsyndrom: Anzeichen, Dauer und was kann man tun?

Das falsche Absetzen eines antidepressiven Medikaments kann zu Problemen führen, dem Absetzsyndrom.

Antidepressiva-Absetzsyndrom: Anzeichen, Dauer und was kann man tun?
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Fast alle Menschen, die Antidepressiva einnehmen, werden früher oder später, vielleicht schon nach einigen Monaten oder auch nach mehreren Jahren, den Entschluss fassen, das Medikament abzusetzen. Meist ist es eine Mischung aus unerwünschten Nebenwirkungen und dass es einem tatsächlich wieder so gut geht, dass man das Medikament für nicht mehr notwendig hält.

Je nach Medikament tritt in bis zu 50 % aller Fälle während der Entwöhnungsphase ein sogenanntes Antidepressiva-Absetzsyndrom auf. In Bezug speziell auf SSRI und SNRI spricht man auch von einem SSRI-Absetzsyndrom. Dabei kommt es zu Symptomen wie Schwindel, Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen und den berühmt-berüchtigten "Brain Zaps", einem Gefühl wie als würden sich im Gehirn oder auf der Haut elektrische Ladungen entladen.

Was sind die Anzeichen für ein Absetzsyndrom?

Die Symptome eines Serotonin-Absetzsyndroms sind vielfältig. Sehr typisch und häufig berichtet sind:

  • Schwindel
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Übelkeit
  • Schlafstörungen
  • Gereiztheit
  • Schweißausbrüche
  • "Brain Zaps": das Gefühl elektrischer Entladungen auf der Haut oder im Gehirn
  • Ein latentes Gefühl "high" zu sein, "neben der Spur" zu sein

Es kann zudem zu grippeartigen Symptomen kommen. Auch kann es zum Aufflammen von depressiven oder ängstlichen Gefühlen kommen. Das hat nicht zu bedeuten, dass es sich schon um einen Rückfall handelt. Oft verschwinden diese Gefühle zusammen mit allen anderen Symptomen. Bei MOA-Hemmern kann es zu psychoseartigen Symptomen kommen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Gerade hier sollte man sich also unbedingt mit einem Arzt abstimmen.

Ist das Absetzsyndrom gefährlich?

Im Regelfall ist ein Absetzsyndrom nicht gefährlich und die meisten Betroffenen erleben eher milde Symptome, die sich innerhalb weniger Wochen legen. Es liegt auf der Hand, dass man sich beim Vorliegen eines Absetzsyndroms nicht ans Steuer eines Autos setzen sollte, keine schweren Maschinen führen sollte und alle anderen Aktivitäten einschränken sollte, bei denen es auf einen funktionierenden Gleichgewichtssinn ankommt.

Auch sollte man seinen Partner darüber informieren, dass in den nächsten Wochen mit schwereren Gefühlsausbrüchen zu rechnen ist, mit Gereiztheit, Ungeduld, vielleicht auch gelegentlichen Weinkrämpfen und nicht selten erhöhter Lust auf sexuelle Aktivitäten.

Gefährlich kann es werden, wenn das Absetzen des Antidepressivums zu einem Wiederaufflammen einer Depression führt. Das betrifft umso stärker diejenigen, deren Behandlung rein medikamentös abgelaufen ist, die also keine begleitende Therapie gemacht haben. Das Wegfallen des chemischen Schutzwalls gegen ein Übergreifen der eigenen Emotionen kann einen überwältigen, bis hin zu Selbstmordgedanken, wenn die eigenen Skills zur Emotions- und Gedankenregulierung sich noch auf dem gleichen Niveau befinden wie zu Beginn der Behandlung und man eigentlich nichts geändert hat, außer einmal am Tag eine Pille zu schlucken.

Deshalb ist es wichtig, den Entschluss zum Absetzen eines Medikaments nicht nur darauf zu basieren, dass man sich ja gerade ganz ok fühlt. Es ist unabdingbar, dass man sich nüchtern und ehrlich fragt, ob man in seiner aktuellen Lebenssituation auch ohne chemische Hilfe in der Lage ist, sich in einer stressigen Situation und angesichts der eigenen Alltagsprobleme zu behaupten, ohne dass die Welt zusammenbricht. Man muss damit rechnen, dass es während der Entwöhnungsphase zu emotionalen Herausforderungen kommt, und man muss darauf vorbereitet sein.

Bevor du also aufhörst, deine Happy-Pillen zu nehmen, solltest du genau wissen, was du machen wirst, solltest du dich nächsten Mittwochabend voller Weltschmerz und wenig Hoffnung für die Welt auf dem Wohnzimmersofa wiederfinden.

Was sind die Ursachen eines Absetzsyndroms?

Wie so oft im Bereich der Psychopharmakologie ist nicht wirklich klar, warum das Absetzen eines Antidepressivums zu den typischen Symptomen des Absetzsyndroms führt. Auch der Laie kann sich denken, dass das Absetzen eines derartigen Medikaments einen starken Eingriff in den Neurotransmitterhaushalt darstellt und dass es naheliegend ist, dass das nicht ohne Folgen bleibt.

Nach längerer Einnahme des Medikaments hat der Körper ein Gleichgewicht gefunden, in dem er tagtäglich funktionieren kann. Er ist daran gewöhnt, dass entsprechende Neuronen jetzt mehr Serotonin oder Noradrenalin recyceln oder dass ein Neurotransmitter länger im synaptischen Spalt verbleibt und die Kommunikation zwischen manchen Nervenzellen "intensiver" verläuft.

Nun fällt der chemische Unterstützer, das Antidepressivum, weg und der Körper sieht sich vor die Aufgabe gestellt, ein neues Gleichgewicht zu finden. Darüber aber was dann genau im Körper passiert und warum es zu diesen speziellen Symptomen führt, ist kaum etwas bekannt. Früher nannte man das Absetzsyndrom auch ein Entzugssyndrom, weil man die körperliche Reaktion auf das Absetzen durchaus auch als Entzugserscheinungen interpretieren kann. Es liegt hier aber kein Abhängigkeitsverhältnis vor, weshalb der Begriff nicht wirklich mehr zeitgemäß ist.

Wie lange dauert ein Absetzsyndrom?

Die Symptome eines Antidepressiva-Absetzsyndroms bilden sich innerhalb weniger Tage aus. Häufig betroffen sind Menschen, die ihr Medikament auf einen Schlag absetzen (cold turkey), aber das Syndrom kann auch auftreten, wenn man die Dosis beim schrittweisen Ausschleichen nur reduziert. Die Wahrscheinlichkeit, davon betroffen zu werden, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Wie lange wurde das Medikament eingenommen?
  • Wie hoch war die Dosis, die man eingenommen hat?
  • Wie lange die Halbwertszeit des Medikaments, also wie schnell verschwindet es aus dem Körper?
  • Wie drastisch ist die Reduzierung der Dosis? Im Regelfall verschwinden die Symptome innerhalb von 2 bis 4 Wochen. Im Einzelfall können sie aber auch mehrere Monate bis hin zu einem Jahr anhalten.

Wie lindert man die Symptome eines Absetzsyndroms?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, einem Antidepressiva-Absetzsyndrom zu begegnen. Die einfachste (aber auch wenig zielführende) Möglichkeit ist, das Medikament wieder einzunehmen. Meist verschwinden die Symptome innerhalb kurzer Zeit, oft sogar schon innerhalb von Stunden.

Eine bessere und unbedingt empfohlene Möglichkeit ist das langsame Ausschleichen des Medikaments in enger Absprache mit einem Arzt, der sich mit diesem Thema auskennt. Beim Ausschleichen reduziert man über längere Zeit, mehrere Monate, hinweg die Dosis. Man ist z. B. auf einer Tagesdosis von 100 mg Sertralin und reduziert die Dosis im Schritt auf 75 mg, dann mehrere Wochen später auf 50 mg. In der Praxis können die Reduktionsschritte auch deutlich kleiner ausfallen, z. B. wird die Dosis bei jedem Schritt nur um 10 % verringert. Kommt es dann bei einer Reduktion zu Symptomen eines Absetzsyndroms, kann man dann nachjustieren und das Ausschleichen so gestalten, dass es möglichst nebenwirkungsfrei verläuft. Generell ist es keine kluge Entscheidung, die Einnahme des Medikaments abrupt zu stoppen.

Eine weitere Möglichkeit zur Vorbeugung ist der Wechsel auf ein Medikament mit längerer Halbwertszeit. Halbwertszeit bezieht sich hierbei nicht auf radioaktiven Zerfall; keine Sorge; sondern darauf, wie lange ein Wirkstoff im Körper verbleibt und dort seine Wirkung entfalten kann. Mit einem langlebigeren Medikament kann man verhindern, dass es zu einem schlagartigen, drastischen Abfall des Wirkstoffs kommt. Die Halbwertszeit von Sertralin beträgt z. B. ungefähr 26 Stunden, während die von Fluoxetin, ebenfalls ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, fast eine Woche beträgt.

Linderung bzw. eine schnellere Überwindung der Symptome kann zudem durch die üblichen Verdächtigen geleistet werden: Sport, gesunde Ernährung, Schlafhygiene und regelmäßiges Meditieren.

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