Antidepressiva und Psychopharmaka – alle Infos

Mehr und mehr Menschen greifen zu verschreibungspflichtigen Antidepressiva, doch nur ein Teil profitiert wirklich davon.

Antidepressiva und Psychopharmaka – alle Infos

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Im gleichen Maße wie Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen und andere psychische Leiden in Deutschland und im Rest der Welt auf dem Vormarsch sind, erhöht sich auch die Zahl der Menschen, die verschreibungspflichtige Psychopharmaka und Antidepressiva zu sich nehmen.

Während das Finden eines passenden Therapeuten oder Therapieplatzes in vielen Regionen Deutschlands immer noch ein zeitaufwändiges Abenteuer ist, hat sich die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als versiebenfacht.

Und nicht immer ist ein Antidepressivum angebracht und viele Studien sprechen dafür, dass verschreibungspflichtige Medikamente besonders bei leichten bis mittelschweren Depressionen häufig nicht besser wirken als ein Placebo oder alternative Behandlungsmethoden wie Sport, Meditation und Ernährungsumstellung. Gleichwohl können sie Patienten bei schweren bis schwersten Erkrankungen helfen.

Arten von Antidepressiva

Über die Jahrzehnte wurden diverse Arten von Medikamenten entwickelt, die in unterschiedlicher Weise wirken. Allen gemein ist, dass sie entweder auf mehrere oder einzelne Neurotransmitter einwirken, indem sie entweder die Verfügbarkeit erhöhen, den Abbau verringern oder die Wiederaufnahme in den Synapsen hemmen. Im Fokus liegen dabei die drei Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, von denen die Wissenschaft zwar immer noch nicht genau sagen kann, wie sie zur Ausbildung einer Depression oder Angststörung beitragen, doch bei denen zumindest beobachtet werden kann, dass deren Haushalt zwischen einem erkrankten Menschen und einem gesunden Menschen Unterschiede aufweist.

Zu den am häufigsten verschriebenen Medikamentengruppen gehören:

Trizyklische Antidepressiva

Trizyklische Antidepressive erhalten ihren Namen von der Molekülstruktur, die aus drei aneinanderhängenden Ringen besteht. Sie wirken hauptsächlich auf Wiederaufnahmehemmer für die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin. Als Wiederaufnahmehemmer bezeichnet man ein Medikament, das dafür sorgt, dass einmal ausgeschüttete Neurotransmitter länger im Spalt zwischen zwei „miteinander kommunizierenden“ Nervenzellen verbleibt, bevor es von der Nervenzelle wieder aufgenommen wird. Bildlich gesprochen wirkt das wie ein Verstärker in der Kommunikation der beteiligten Nervenzellen bzw. Hirnareale.

Trizyklische Antidepressiva teilen zwar den gleichen Wirkungsmechanismus, unterscheiden sich jedoch in der wahrgenommenen Wirkung und das teilweise sehr stark. Während Medikamente wie Amitriptylin, Amitriptylinoxid und Doxepin eine dämpfende, sedierende Wirkung haben, und sich daher auch für die Behandlung von Angststörungen eignen, zeigen Medikamente wie Desipramin und Nortriptylin eine antriebssteigernde Wirkung, die aber unter Umständen Gefühle von Angst weiter verstärken können.

Insgesamt hat diese Medikamentengruppe an Bedeutung zugunsten selektiver Wiederaufnahmehemmer verloren, auch aufgrund der eher stärkeren Nebenwirkungen.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen trizyklischer Antidepressiva gehören Mundtrockenheit, extremes Schwitzen, Verstopfung, Schwindelgefühl, Herzrasen, Libido-Verlust, Erektionsprobleme und Gewichtszunahme. Zudem stehen insbesondere ältere trizyklische Antidepressiva in Verdacht, das Auftreten von Frühgeburten, Schlaganfällen und Herzinfarkten zu befördern.

Tetrazyklische Antidepressiva

Tetrazyklische Antidepressiva wie Mirtazapin oder Maprotilin sind eine Weiterentwicklung der trizyklischen Antidepressive. Ihre Molekülstruktur weist vier statt drei Ringe auf. Sie zeigen eine stärkere antidepressive Wirkung auf und sind in ihren Nebenwirkungen besser verträglich.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer

Selektive Wiederaufnahmehemmer (SSRI) erhalten ihren Namen daher, dass sie nur einen bestimmten Neurotransmitter wirken. Bei den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern wie Citalopram oder Sertralin (Zoloft) ist das der Neurotransmitter Serotonin, der eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Gedächtnis, Appetit, Schlaf und sexuellem Verlangen spielt.

Selten berichten Patienten, dass sie keinerlei Nebenwirkungen verspüren. In der Art und Schwere hängen sie jedoch vom spezifischen Medikament, natürlich der Dosis und dem Patienten selbst ab. Besonders häufig berichtet wird von starkem Schwitzen und dem Verlust sexuellen Verlangens.

Wenn auch nicht eindeutig belegt, geht man davon aus, dass SSRI für Menschen mit schwerer Depression initial das Risiko eines Selbstmords erhöhen können. Es kann mehrere Wochen dauern, bis die antidepressive, stimmungsaufhellende Wirkung eintritt, während der Patient trotzdem schon eine antriebssteigernde Wirkung verspürt. Dieser Effekt der gleichzeitigen Antriebssteigerung bei unveränderter depressiver Stimmung wird als ursächlich für das erhöhte Selbstmordrisiko angesehen. Aus diesem Grunde ist bei schweren Fällen die initiale Einnahme im Rahmen eines Krankenhausaufenthalts angeraten.

Beim Absetzen eines Serotonin-Wiederaufnahmehemmers kann es zum Auftreten des sogenannten Serotonin-Entzugssyndroms oder Serotonin-Absetzsyndroms kommen mit Symptomen wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Schlafstörungen, starken Stimmungsschwankungen, Muskelzuckungen und dem Gefühl elektrischer Entladungen auf der Haut. Deshalb ist es wichtig, ein SSRI auszuschleichen, d. h. die Dosis schrittweise über einen längeren Zeitraum zu verringen, bevor das Medikament komplett abgesetzt wird.

Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer

Diese Medikamenten-Gruppe wirkt auf den Botenstoff Noradrenalin und hemmt dessen Wiederaufnahme durch die beteiligten Nervenzellen. Noradrenalin ist ein naher Verwandter des Adrenalin. In der Praxis wird diese Medikamentengruppe eher seltener verschrieben.

Die Nebenwirkungen von Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern sind ähnlich zu denen der SSRI-Gruppe. Ebenso kann es zu einem Absetz- oder Entzugssyndrom kommen, wenn das Medikament gerade bei höherer Dosis und nach längerer Einnahme rapide abgesetzt wird.

Monoaminoxidasehemmer

MAO-Hemmer beeinflussen nicht die Wiederaufnahme eines bestimmten oder mehrerer Neurotransmitter, sondern reduzieren den Abbau derselben. Wenn eine Nervenzelle einen Neurotransmitter als chemischen Botenstoff in den synaptischen Spalt abgibt, dann werden bis zu 10% des Botenstoffs durch Enzyme abgebaut. Durch die Hemmung dieses Abbaumechanismus wird die Verfügbarkeit des Neurotransmitters erhöht und eine Verstärkung der „Kommunikation“ zwischen den Nervenzellen erzielt.

MAO-Hemmer werden sowohl zur Behandlung von Depressionen, als auch zur Behandlung der Parkinson-Krankheit eingesetzt. Sie wirken eher antriebssteigernd und finden daher Anwendung bei Formen einer gehemmten Depression, die durch Antriebslosigkeit, quälende Gedanken, Lustlosigkeit und Unfähigkeit zum Ausführen von Handlungen gekennzeichnet sind. Sie finden ebenfalls Anwendung bei Angststörungen wie z. B. der sozialen Phobie.

Typische Nebenwirkungen von MAO-Hemmern sind u. a. Bluthochdruck, innere Unruhe, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit.

Wirksamkeit von Antidepressiva

Die Fakten- und Studienlage zur Wirksamkeit von Antidepressiva ist zwiespältig. Auf der einen Seite zeigt eine Vielzahl von Studien und Metaanalysen, dass Antidepressiva bei mittelschweren bis schweren Depressionen eine höhere Wirksamkeit zeigen als ein Placebo. Üblich Zahlen sind, dass 40% bis 60% der Studienteilnehmer innerhalb der ersten zwei Monate eine merkbare Verbesserung ihrer Symptome verspüren.

Andererseits kann ein dem Placebo überlegener Effekt nicht eindeutig für leichtere Formen der Depression nachgewiesen werden. Hinzu kommt, dass Vergleichsstudien mit natürlichen Antidepressiva wie Johanniskraut oder mit alternativen Behandlungsmethoden wie Meditationstraining und Sport oftmals keinen Unterschied nachweisen konnten.

Der aktuelle Grundtenor geht in die Richtung, dass verschreibungspflichtige Antidepressiva bei leichten Depressionen nicht signifikant besser wirken als ein Placebo.

In diesen Schweregraden zeigt sich zudem eine erhöhte Rückfallquote gegenüber alternativen Maßnahmen wie Meditationstraining und Sport. Eine Therapie ohne zusätzliche Gabe von Medikamenten scheint in diesen Fällen eher das Mittel der Wahl zu sein.

Erst bei schweren Depressionen kann ein solcher, dem Placebo überlegener Effekt eindeutig nachgewiesen werden, aber auch da nicht für jeden Patienten. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen schlägt kein Mittel an.

Weiterhin zu beachten ist, dass ein Antidepressivum nicht als Heilmittel angesehen werden sollte. Man kann Depressionen nicht mit Psychopharmaka heilen, sondern allenfalls Symptome lindern. Die Entwicklung hin zu einer Praxis, in der Menschen ungesehen des Schweregrads ihrer Erkrankung und ohne Evaluierung von Alternativen zu regelmäßigen Konsumenten von Psychopharmaka gemacht werden und teils über Jahrzehnte hinweg verschreibungspflichtige Antidepressiva einnehmen, wird von nicht wenigen Ärzten mit Besorgnis gesehen. So gehen aktuelle Zahlen zum Beispiel davon aus, dass etwa 10% der erwachsenen Bevölkerung der USA regelmäßig Antidepressiva schluckt.

Eine Heilung bzw. konsistente Linderung von Symptomen kann aber nur durch eine Psychotherapie einhergehend mit einer genauen Untersuchung des Lebenswandels und der Lebenssituation erzielt werden.

Antidepressiva Nebenwirkungen

Ein Antidepressivum ist keine harmlose Glücklich-Mach-Pille, sondern ein massiver Eingriff in den Neurotransmitter-Haushalt des menschlichen Gehirns und selten kommt dieser Eingriff ohne Nebenwirkungen aus.

Häufig beobachtete Nebenwirkungen von Antidepressiva sind:

  • Übelkeit
  • Erhöhter Appetit und Gewichtszunahme
  • Verlust des sexuellen Verlangens und andere sexuelle Probleme, wie z. B. Erektionsstörungen und verminderte Orgasmusfähigkeit
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • Schlaflosigkeit
  • Trockener Mund
  • Verschwommenes Sehen
  • Verstopfung
  • Schwindel und Benommenheit
  • Innere Unruhe
  • Erhöhte Reizbarkeit

Diese Nebenwirkungen unterscheiden sich in der Häufigkeit und Schwere je nach Medikament, Dosis und Patient selbst, sodass es nicht unüblich ist, dass der behandelnde Arzt mehrere Medikamente mit dem Patienten „durchprobiert“, bevor das passende Medikament und die passende Dosis gefunden wird. Zudem kann der Arzt zusätzliche Medikamente verschreiben, um bestimmte Nebenwirkungen wie z. B. den Libido-Verlust oder Schlafstörungen auszugleichen.

Natürliche Alternativen zu Antidepressiva

Es existiert eine Vielzahl nicht verschreibungspflichtiger Mittel, die gegen Depressionen oder Angststörungen wirksam sein sollen. Vergleichsstudien mit verschreibungspflichtigen Medikamenten und Placebos legen häufig nahe, dass diese Mittel zwar helfen können, die Wirkung jedoch wohl eher auf dem Placebo-Effekt beruht.

Bekannte natürliche Antidepressiva, für die in klinischen Studien eine messbare Wirkung nachgewiesen werden konnte, sind:

  • Johanniskraut
  • Kurkuma
  • Safran
  • Baptisia tinctoria (wilder Indigo, Färberhülse)
  • Glänzender Lackporling (Ling Zhi, Ganoderma lucidum)
  • Fischöl (bzw. Omega-3)
  • Folsäure (und andere B-Vitamine)
  • Kaffee

Weiterhin verspüren gerade Menschen mit leichteren Formen der Depression eine deutliche Linderung ihrer Symptome, wenn sie regelmäßig meditieren, regelmäßig Sport treiben und auf eine gesunde Ernährung achten, zum Beispiel im Rahmen der Mittelmeer-Diät oder der kretischen Diät.