Gedankenlesen - Was ist das und wie hört man damit auf?

Gedankenlesen ist eine kognitive Verzerrung, bei der man annimmt, andere Menschen würde bestimmte Gedanken oder Gefühle über einen hegen.

Gedankenlesen - Was ist das und wie hört man damit auf?

Ein häufiges Missverständnis bei kognitiven Verzerrungen ist, dass sie in gewisser Weise eine Form von Halluzination oder Geistesgestörtheit darstellen, dass Betroffene etwas sehen, das nicht existiert, und auf eine Weise denken, die nichts mit dem Denken eines gesunden Menschenverstandes zu tun hat. Das stimmt so nicht.

Eher muss man sich kognitive Verzerrungen als eine Form des Wahrnehmens, Denkens und Urteilens vorstellen, die im Kern zwar dem entspricht, wie wahrscheinlich jeder Mensch wahrnimmt, denkt und urteilt, nur in einer übertriebenen Weise und gewichtet hin zu einem Ergebnis, das einem als Betroffenen scheinbar sehr gute Argumente dafür an die Hand liefert, warum man sich gerade jetzt schlecht fühlen sollte.

Das Gedankenlesen ist ein sehr gutes Beispiel für den genannten Sachverhalt. Damit ist gemeint, dass jeder Mensch die Fähigkeit und das Bestreben hat, Emotionen und die innere Gedankenwelt eines anderen Menschen zu erkennen, ohne dass uns dieser andere Mensch genau sagen muss, wie er sich fühlt und was er denkt. Stattdessen lesen wir in seinen Augen, in seinem Gesichtsausdruck, in seiner Körperhaltung, in seinen Handlungen.

Es ist nicht erforderlich, dass wir besonders gut in dieser Tätigkeit sind; häufig sind wir es nicht und depressive Menschen sind besonders schlecht darin. Trotzdem sind wir alle bemüht, denn wie anders sollte unsere Gesellschaft denn funktionieren, wenn wir keinerlei Ahnung vom Fühlen und Denkens unserer Mitmenschen hätten, es sei denn, sie teilten es uns explizit durch Sprache mit?

Was ist Gedankenlesen?

Als kognitive Verzerrung ist Gedankenlesen definiert als eine Tendenz dazu, anderen Menschen Emotionen und Gedanken zuzuschreiben, ohne dass wir dafür genügend Fakten haben und meist ohne dass wir sinnvolle Alternativerklärungen in Betracht ziehen. Die Emotionen und Gedanken, die wir zu erkennen vermeinen, sind nicht notwendigerweise, aber häufig negativ in Bezug auf uns. Das ist typisch auch für andere Verzerrungen: Aus einer realen Mücke einen gedanklichen Elefanten machen und dabei komplett ignorieren, dass die Mücke ebenso auch ein niedlicher Hamster sein könnte.

Gedankenlesen als ganz normaler Prozess des Alltagslebens beinhaltet zwei Komponenten:

  • Dass wir dem Anderen bestimmte Emotionen zuschreiben.
  • Dass wir dem Anderen bestimmte Gedanken, Urteile, Absichten zuschreiben.

Bei Depressionen und verschiedenen anderen psychischen Problemen sind beide Komponenten verzerrt in der Hinsicht, dass …

  • … man Emotionen oder Gedanken zu erkennen glaubt, obwohl er dafür nicht genügend Informationen hat.
  • … die vermeintlich erkannten Emotionen oder Gedanken eine auffällige Tendenz zum Negativen zeigen.

So sind zum Beispiel die vermeidende Persönlichkeitsstörung und die soziale Angsterkrankung dadurch gekennzeichnet, dass Betroffene sozialen Situationen aus dem Weg wegen aus Angst, sich in den Augen anderer Menschen zu beschämen oder lächerlich zu machen. Man nimmt schon vorweg, was die anderen Menschen denken werden. Für einen Betroffenen kann etwas Alltägliches wie der Einkauf im Supermarkt zum Spießrutenlaufen werden, denn jeder Blick eines Menschen, dem man auf der Straße begegnet, hat eine Bedeutung. Es ist nicht so, dass Menschen, denen man auf der Straße begegnet, ab und zu mal schauen, ohne sich groß etwas dabei zu denken. Dass eine Welt, in der jeder vor sich auf den Gehweg starrt und sein Bestes tut, ja niemandem ins Gesicht zu schauen, dass das eine sehr seltsame Welt wäre, ist für einen Betroffenen allenfalls rational nachvollziehbar.

Beziehungen von Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden oft darunter, dass der Borderline-Partner dem Anderen Gedanken oder Gefühle in den Kopf legt, die nicht der Realität entsprechen. Aus der Angst, nicht mehr geliebt zu werden, werden selbst unbedeutendste Ereignisse oder Aussagen so interpretiert, dass sie Beweis dafür sind, dass der Partner keine Liebe mehr fühlt oder sich mit dem Gedanken trägt, die Beziehung zu beenden.

Depressive Menschen sind oft der Meinung, dass andere sie für Versager oder Schwächliche halten. Wie viele Menschen brechen eine Therapie ab, weil sie glauben, ihr Therapeut würde sie nicht verstehen oder denken, sie würden ihr Leiden übertreiben? Das ist eine der großen Herausforderungen als Therapeut, Vertrauen aufzubauen in einer Beziehung mit einem Menschen, der darauf trainiert ist, von seinen Mitmenschen anzunehmen, dass sie schlecht über ihn denken würden.

Wie so oft bei kognitiven Verzerrungen geht das Gedankenlesen Hand in Hand mit anderen Verzerrungen. Besonders ins Auge fallen dabei:

  • Willkürliche Schlussfolgerungen: Du ziehst voreilig Schlussfolgerungen, ohne andere Erklärungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen oder ohne dass überhaupt alle Fakten betrachtet hast.
  • Personalisierung: Du nimmst an, dass du die Ursache für ein Ereignis bist, selbst wenn es nur wenige Anzeichen dafür gibt.
  • Emotionales Schlussfolgern: Du nimmst an, dass etwas der Fall ist, weil es sich für dich so anfühlt, als wäre es tatsächlich der Fall.

Der Mythos vom einfühlsamen Depressiven

Immer wieder begegnet einem ein interessanter und wahrscheinlich nicht sonderlich hilfreicher Mythos, nämlich der, dass depressive Menschen bei all ihrem Leid eines vielen anderen Menschen voraus haben: Sie können sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Schaut man sich aber die wissenschaftliche Literatur dazu an, bleibt von diesem Mythos nicht mehr viel übrig.

Zum Beispiel haben sich verschiedene Studien der Frage angenommen, inwiefern es zwischen depressiven und nicht-depressiven Menschen einen Unterschied gibt in der Fähigkeit, Emotionen in den Gesichtsausdrücken anderer Menschen zu erkennen. Relativ konsistent zeigt sich dabei, dass depressive Menschen …

  • … "besser" darin sind, traurige Gesichter zu identifizieren.
  • … "schlechter" darin sind, positive Emotionen oder überraschte Gesichtsausdrücke zu erkennen.
  • … "schlechter" darin sind, subtilere Anzeichen für einen emotionalen Zustand im Gesichtsausdruck des Anderen korrekt zu lesen.
  • … dazu tendieren, in neutrale Gesichtsausdrücke negative Emotionen hineinzulesen.
  • … umso "schlechter" im Lesen von Emotionen sind, je schwerer die Depression ist.

Der Mythos, dass eine Depression einfühlsamer macht, ist ebenso wie der weit verbreitete Mythos, dass depressive Menschen realistischer seien, nicht nur durch Fakten nicht belegbar, sondern für den Betroffenen auch eher hinderlich. Er ist hinderlich aus dem Grunde, dass er der verzerrten Wahrnehmung Realität zuspricht. Er sagt: Der depressive Mensch ist besonders sensibel für Dinge, die tatsächlich existieren. Es ist nicht so, dass der depressive Mensch dazu neigt, Dinge wahrzunehmen, die nur daraus entspringen, dass er die Welt auf eine bestimmte Weise sieht.

Wie überwindet man Gedankenlesen?

Wie bei allen kognitiven Verzerrungen besteht ein wichtiger Schritt bei der Überwindung des verzerrten Denkens bzw. Wahrnehmens darin, sich der Verzerrung bewusst zu werden.

Zum einen ist es wichtig, dass man überhaupt weiß, dass Dinge existieren und wie sie funktionieren. Die vorherigen Abschnitte haben dir hoffentlich ein Verständnis dafür geliefert, was Gedankenlesen ist. Zum anderen gilt es dann, sich selbst zu beobachten und sich bewusst mit Situationen auseinanderzusetzen, in denen man auf ungesunde Weise Gedanken liest.

Ein wichtiges Werkzeug, wie schon so oft betont, ist dabei das Aufschreiben. Nimm dir eine Situation vor, die dich emotional belastet hat.

Schreibe auf:

  • Was ist passiert?
  • Was habe ich gedacht?
  • Wie habe ich mich gefühlt?

Besonders Augenmerk liegt hier auf den Gedanken. Versuche herauszufinden, ob es in der Situation Gedanken gegeben hat, die zu deinen Gefühlen geführt oder beigetragen haben. Untersuche dann jeden Gedanken darauf, ob du in ihm eine kognitive Verzerrung finden kannst. Jeder Gedanke, der einer anderen Person Gefühle, Gedanken oder Urteile unterstellt, ist offensichtlich erst einmal verdächtig, unberechtigtes Gedankenlesen zu sein. Markiere alle Gedanken, die in diese Gruppe fallen.

Und nun beginnt das härteste Stück Arbeit. Für jeden Gedanken, der eventuell verzerrt ist:

  • Schreibe auf, welche Fakten dafür sprechen.
  • Schreibe auf, welche Fakten dagegen sprechen.
  • Schreibe auf, welche alternativen Erklärungen angesichts dieser Fakten möglich sind.

Sehr häufig wirst dabei bemerken, dass es nicht gerade viele Fakten für oder gegen deine Gedanken gibt. Deine Gedanken selbst sind keine Fakten, wie es so schön in der kognitiven Verhaltenstherapie heißt. Oft kennst du die Leute nicht einmal, denen du zuschreibst, etwas Schlechtes über dich zu denken. Kann es nicht genauso gut sein, dass sie in der Situation, die dich beschäftigt, etwas ganz anderes oder vielleicht gar nichts gedacht haben?

Weiterführende Links